Altneuland
- Journal
- Altneuland
- Volume
- 1 (1904)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1904)
- Article
- Das Trachom in Palästina
- Date
- 1904-06-01
- Page
- Seite 169 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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- 169 - die Chancen der Bekämpfung selbst bei Beschränkung auf die notwendigsten Massnahmen weit günstiger als beispielsweise bei der Bekämpfung der Tuberkulose und der Geschlechtskrankheiten. "Was das Fehlen einer mächtigen Staatsgewalt betrifft, so verweist dieser Mangel unseren Blick vom Staate auf die kleinere Gemeinschaft, die einzelne Stadt, die Kolonie; mit welchem Erfolge hier gearbeitet werden kann, soll noch gezeigt werden. Was aber den zweiten Punkt betrifft, so liegt der Unterschied zwischen der Bekämpfung der Tuberkulose und des Trachoms bei gleichem Verzicht auf die idealsten Isolierungsmassregeln auf der Hand. Die zwangsweise Behandlung der Tuberkulose müsste sich über lange Jahre erstrecken, und auch dann Hesse sich nur eine mehr oder minder problematische Heilung erzielen, wenn man von den in den allerersten Anfangsstadien stehenden tuberkulösen Prozessen absieht; jedenfalls wäre eine Uebertragung der Krankheit auf Gatten, Kinder etc. auch nach erfolgter Zwangsbehandlung keineswegs ausgeschlossen. Die Trachombehandlung aber würde in "Wochen oder Monaten fast durchweg zur Heilung im Sinne der Ertötung der Uebertragungsfähigkeit führen. Zu bedenken ist ferner, dass der Trachomkranke sich der Behandlung seines lästigen Leidens gern unterwerfen wird, wenn er sich von dem Nutzen der Kur bei anderen Kranken überzeugt haben wird. Ferner käme hier das Moment überhaupt nicht in Betracht, das die Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten ohne das utopische Mittel der Zwangsinternierung gänzlich illusorisch macht, selbst wenn alle Fälle zur Behandlung gelangten: dass das Verbot des geschlechtlichen Verkehrs bis zum Eintritt der Heilungunter dem Einfluss übermächtiger Triebe immer wieder durchbrochen wird. Wenn wir also auch, den tatsächlichen Verhältnissen Rechnung tragend, auf die Zwangsinternierung verzichten und uns auf ein Mindestmass von Vorschriften beschränken, das kaum über das niedrige Mass jener Vorschriften hinausgeht, auf die sich Deutschland bei der Bekämpfung der Tuberkulose und der Geschlechtskrankheiten hat beschränken müssen, so darf nach dem Gesagten daraus nicht der Schluss gezogen werden, dass die Erfolge jener wenigen Massnahmen bei der Bekämpfung des Trachoms ebenso minimale sein werden, wie sie es bei der Bekämpfung jener anderen Seuchen bislang tatsächlich sind. Ist denn aber wirklich ein so weitgehender Verzicht in