Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1892
- Issue
- Heft 2
- Article
- Aus L. Zunz' Nachlaß
- Date
- 1892-01-01
- Page
- Seite 228 (sequence 6)
- Language
- German
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228 Neue Mitteilungen. Wenn du Niemand zu gehorchen brauchst, nennt man dich unabhängig. Hast du auch Keinem zu befehlen nöthig, bist du es. Erst wenn du dir selber zu gehorchen gelernt, bist du frei. — Ein Zehntheil deiner Einfälle sind der Rede, — ein Fünftheil deiner Worte des BeHaltens, — ein Viertheil des BeHaltens druckenswerth. Was der Gesellschaftssaal beklatscht, öffnet noch die Pforte der Unsterblichkeit nicht. — Die Selbstprüfung ist der Lichtstrahl, der uns die Flecken der Sonne zeigt, aber auf dem Wege selber abirrt; die Eigenliebe spielt zu viele Farben. — Besorge früh die Materialien, dann magst du dich lange besinnen, wie du bauen willst. Gott erschuf Himmel und Erde zuerst und formte ganz zuletzt den Menschen. — Der Eindruck einer Erstlingsfreude übertrifft alle Nachfolger, auch die Liebe macht keine Ausnahme, vielleicht die Großmuth. — Erröthe wie das Weib, handle wie der Mann, bete wie das Kind! — Das Weib ist oft der Schöpfung Meisterstück genannt; — das tugendhafte nenne ich, dem Himmelzelte gleich, das Jehova dem Moses wies, das Ideal zum Meisterstück. — Aufopferung für die Geliebte ist eine kleinere That als Aufopferung den Feind, aber ein größerer Entschluß. Warum man die Braut und nicht die Gattin Geliebte nennt, muß aus der Klassification der Liebe erklärt werden, von welcher Gott den frommen Antheil erhalten, — die Eltern den natürlichen, — das Vaterland den eigennützigen, — die Menschheit den pflichtmäßigen, — Venus den sinnlichen, — Amor den geistigen, — die Freundschaft den herzlichen, — die Wissenschaft den vernünftigen, — Steckenpferde den unvernünftigen, — die Ehe den staatsbürgerlichen. — Drei Waffen hat das Weib; gegen das grobe Geschütz überraschender Angriffe: weiblichen Stolz; gegen das Schlafpulver der Verführung: männliche Tugend; gegen die Lockspeise der Sinnlichkeit: kindliches Gebet! — Der Unwille über eine uns geradeweg versagte Bitte entspringt aus dreifacher Kränkung. Die Eitelkeit schämt sich, eine Fehlbitte gethan und das Mißlingen nicht voraus gesehen zu haben; die Eigenliebe verdrießt dieses Mißlingen selbst, und der Eigendünkel ist über die Dreistigkeit des Versagers aufgebracht. Je seiner ein Mensch, desto fühlbarer ist sein Verweis. Bon Eltern, die täglich zanken, fühlen die Kinder kaum Schläge. Mancher empfindet die Schönheiten der Natur, aber ihre Schönheit nicht.