Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1892
- Issue
- Heft 2
- Article
- Aus L. Zunz' Nachlaß
- Date
- 1892-01-01
- Page
- Seite 224 (sequence 2)
- Language
- German
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224 Neue Mittheilungen. einandersetzungen erkannt werden kann, in denen damals wie jetzt das Schablonenhafte vorwog. Auch für den Culturhistoriker wäre es wichtig zu sehen, wie sich in einer Zeit, da die Zeitungsschreiber zumeist wirkliche verbummelte Existenzen waren, ein gründlich gebildeter, wissenschaftlich hochbedeutender Mann mit diesem Geschäfte abfand, und wie ein freier, niemals der Mode des Tages unterworfener, den herrschenden Gewalten nie sklavisch sich beugender Mann über politische Dinge in einer Periode sich äußerte, in welcher der trockene, den Ereignissen langsam nachschleichende, durchaus zahme Bericht die einzig mögliche Art politischer Meinungsäußerung war und freies Urtheil verfehmt war; wo es aber etwa sich hervorwagte, alsbald zum Schweigen gebracht wurde. Fast ebenso geringe Beachtung wie die politische, hat bisher die allgemein litterarische Thätigkeit des Altmeisters der Wissenschast des Judentums gefunden. Nur Steinschneider in seiner trefflichen Bibliographie der Zunz'schen Schriften hat kurz auf dieselben hingewiesen, aber, wie es in dem Wesen einer solchen Bibliographie lag, keine Veranlassung gehabt, näher auf die einzelnen Aufsätze einzugehen. Zunz stand gegen Ende des zweiten Jahrzehnts unseres Jahrhunderts mit den Schriftstellern Berlins in persönlichen und litterarischen Beziehungen. Litteratur und Theater nahmen, nachdem die schweren Zeiten durch die großartigen in den Freiheitskriegen erfochtenen Siege geendigt und trotz der schweren Wunden, welche die langandauernde französische Okkupation und die blutigen Kriege geschlagen hatten, die traurigen Folgen bald geschwunden waren, einen neuen Aufschwung. Nicht als wenn eine neue klassische Zeit nun entstanden wäre, denn die Heroen fehlten. Aber der charakteristische Unterschied des litterarischen Lebens, wie es sich damals in Berlin zu bilden anfing und während der ganzen politisch stillen Zeit, d. h. bis zum Anfang der vierziger Jahre, andauerte, von dem früheren bestand darin, daß Litteratur und Theater nun die großen Angelegenheiten des Tages wurden. Jedes neue Theaterstück war ein Ereigniß und jede irgendwie bemerkenswert^ litterarische Erscheinung wurde in allen Kreisen der Residenz lebhaft besprochen. Heutigen Tages, da in Folge der Schnelligkeit der Berichterstattung, der ungeheueren vielgestaltigen und vielgespalteten Volksmenge, die sich in Berlin zusammendrängt, der hastenden, schnellerregten Zeit ein selbst überraschendes Ereigniß nur einzelne Kreise, oder wenn viele dieselben doch nur wenige Tage oder Wochen beschäftigt, um ebenso rasch von einem anderen abgelöst zu werden, dem gleich kurze Dauer zugemessen ist, heute begreift man kaum, wie damals ganz Berlin eine geraume Zeit hindurch litterarischen Vorkommnissen sein Interesse zuwandte. Der Ausdruck „ganz Berlin"