Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1892
- Issue
- Heft 2
- Article
- Lehrerseminare in Galizien - Tumult gegen die Juden in Prag
- Date
- 1892-01-01
- Page
- Seite 151 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2259275-2259319-2259322-2265008--1997-2265085- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
- Wols: Lehrerseminare in Galizien. — Tumult gegen die Juden in Prag. 151 In Folge dieser Nörgeleien befahl der Kaiser, das Toleranzpatent für die Juden zu revidiren und sollte Homberg diesbezüglich um ein Gutachten angeganzen werden. Inzwischen kam ein neues Moment hinzu, welches eine gereizte Stimmung gegen die Juden hervorrief. Wie man weiß, wurden die Juden unter Josef II., zur Zeit als der Krieg gegen die Türkei begonnen hatte, verpflichtet, persönlich Militärdienste zu leisten (bis dahin zahlten sie eine Reluition). Als dann unter Kaiser Franz die Kriege gegen Frankreich geführt wurden, fehlte es an Geldmitteln, und da in der Armee überhaupt keine Sympathien für jüdische Soldaten waren, so gestattete man wieder eine Reluition, die jedoch wechselte. Sie war zu Zeiten per Kopf 20—30 fl. Mittelst Hofdecretes vom 27. April 1793 wurde sie auf 150 fl. per Kopf festgesetzt und zwar konnte sich der Einzelne loskaufen oder falls er arm war, so konnte ihn die Gemeinde, oder in Böhmen die Landesjndenschaft, loskaufen. Das böhmische Gubernium sprach sich gegen diese Maaßregel aus doppeltem Grunde aus, weil die jüdischen Gemeinden durch dieselbe noch mehr verarmen werden und weil dieser Vorgang den Haß der Christen gegen die Juden schüren werde, da die Bauern, obschon sie dem Nährstande n'öthiger sind, sich nicht loskaufen können. Auf den diesbezüglichen Vortrag des Directoriums vom 2. November 1793 rescribirte der Kaiser: „Bei dermaligen Umständen, wo sich der Mangel an Mannschaft für den Ackerstand sowohl, als für die Recrutirung der Armee so sichtbar äußert, bleibt nichts anderes übrig, als die dienstfähigen Juden, wenn sie unverm'öglich sind und die Reluitionssumme von 150 fl. nicht leisten können, in Person zu Recruten zu stellen. Franz". Bald hernach brach ein Tumult in Prag aus, bei welchem Studenten und Dienerinnen der Venus vulgivaga betheiligt waren, der sich auch gegen die Juden kehrte. Der Tumult konnte nur durch Militärgewalt zum Stillstande gebracht werden. Um einer Wiederholung derartiger Excesse vorzubeugen , unterbreitete der Staats- und Polizeiminister Gf. v. Pergen unter Anderem folgende Vorschläge: 1) Der Pelizeidirector von Prag, Baron Lamoth, sei zu entfernen, da er sich als unfähig erwiesen habe^), ^) Zu diesem Vorschlage bemerkt der Staatsrath Eger: „Persönlich kenne ich diesen Baron Lamoth nicht, wohl aber ist er mir aus den staatsräthlichen Voracten unter der Regierung des letztverstorbenen Monarchen bekannt, wo er bei dem böhmischen Gubernium als Referent über die clsZiäeria. der böhmischen Stände die königlichen Rechte wacker vertheidigte und vielleicht gerade dadurch, nicht ebenso wie Mac Neven u. A., die eine entgegengesetzte Sprache führten, viele Freunde sich machte .... Ob er zur