Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1890
- Issue
- Heft 2
- Article
- [Ohne Titel] / L. G.
- Date
- 1890-01-01
- Page
- Seite 312 (sequence 7)
- Language
- German
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312 Nachrichten. dem Mangel aller Gesinnung, ja aller Urteilsfähigkeit gleichbeteutend gewesen sei. Darauf aber läuft es bei Herrn v. Treitschke hinaus. Aus Heine's „französischen Zuständen" nichts weiter als Franzosencultus und liberale Renommage herauslesen und dem Verfasser des Buches über die Philosophie in Deutschland das Verständniß des „Kernes der Sache" absprechen wollen, heißt blind sein oder an der Oberfläche derselben haften bleiben. Weiß man die — in der That oft höchst widerwärtige — Schale von dem Kern zu trennen, so wird man sich dem Eingeständniß nicht entziehen können, daß Heine's Ausführungen über die französische Entwicklung der dreißiger und der vierziger Jahre über die Aussichten des Socialismus, den Einfluß der neuen Verkehrsmittel und die der europäischen Cultur von Westen drohenden Gefahren an hundert Stellen den Nagel auf den Kopf treffen und von einer Genialität der Auffassung zeugen, die in ihrer Weise unvergleichlich genannt werden kann. Heine's Ausführungen über die Veränderung im französischen Volksgeiste verdienen sehr viel größere Anerkennung, als seine von Treitschke als verständnißvoll gerühmten Urtheile über französische Malerei und Kunst, bei denen der Mangel eigentlicher Sachkenntniß nahezu auf jeder Seite hervortritt. Die Masse „theils guter, theils gemeiner Witze", die als vernehmlichste „Ergebnisse dieser zerfahrenen Schriftstellerei" bezeichnet werden — sie wird lange vergessen sein, wenn man Heine's Ausführungen über die Hauptträger der deutschen Philosophie und über die unaufhaltsame Zersetzung der modernen französischen Gesellschaft mit der nämlichen Bewunderung lesen wird, wie die Zeitgenossen thaten. Den Namen dieses merkwürdigen Menschen mit demjenigen Börne's in einem Athem zu nennen, erscheint heutzutage noch ungerechtfertigter, als vor einem halben Jahrhundert. Worüber er urtheilte, hat der anscheinend so leicht beschwingte, in Wahrheit eminent kenntnißreiche „Feuilletonist" immer genau gewußt! Treitschke's Antipathien gegen das Judenthum haben an seiner Beurtheilung der literarischen Periode, von welcher hier die Rede ist, stärkeren Antheil gehabt, als er selbst wissen mag. Wäre dem anders gewesen, so hätte er seine Urtheile über die liberale Literatur der 30er Jahre minder generell gehalten, als geschehen ist. Einerlei ob diese Urtheile Anklang finden oder nicht — auf die Dauer werden sie nicht bestehen bleiben". Anton Bettelheim, von dem eine Biographie Berthold Auerbachs zu erwarten ist, hat eine kleine Schrift „Der Nachlaß Berthold Auerbachs" (Berlin, H. S. Hermann) veröffentlicht, welche über das