Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1890
- Issue
- Heft 2
- Article
- Ein unbeachteter Brief Mendelssohn's
- Date
- 1890-01-01
- Page
- Seite 302 (sequence 2)
- Language
- German
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302 Miscellen. Der Debitor kann sich durch keinen solchen Accord von seiner Schuld befreien. Er ist und bleibt nicht nur innerlich verbunden, den Rest, sobald er kann, völlig abzutragen sondern der Accord selbst scheint stillschweigend diese Bedingung vorauszusetzen und mich dünkt, man könnte ihn auch äußerlich dazu anhalten. — Ich nehme den Fall aus, in welchem die Gläubiger wissen, ihr Schuldner habe nicht völlig sein Vermögen hergegeben, sind es aber zufrieden, daß er etwas davon behalte, um sich damit zu Helsen und damit er ihnen zu einer anderen Zeit ein Mehreres bezahlen könne. Wenn Sie bei Schließung des Accordes dieses gedacht haben, so müssen Sie dem Schuldner das Seinige nicht wieder abnehmen, bevor er sagt, daß es Zeit sei; denn die Entscheidung hängt nicht mehr von Ihnen ab. Sie sehen, wie zweifelhaft ich noch bin und wie wenig ich mir den Knoten durchzuschneiden getraue. Ein Glück ist es in der That, daß es nicht so viele Tausende sind, über die Sie mein Urtheil erwarten. Die Freundschaft würde sich mit der Chikane vereinigen, und alsdann Pflegt die strenge Tugend sich sehr bescheiden zu entfernen um nicht herausgestoßen zu werden. Im Grunde ist es leidige Chikane, was ich Ihrer bessern Entscheidung entgegengesetzt habe. Man darf sich diese nur erlauben, so weis man am Ende nicht, wo man stehen bleiben soll, so läßt sich am Ende alles beschönigen, alles bis auf das bekannte: Haeretieis uon est servauäa üäes. Denn auch die Ketzer haben, nach der Meinung der allein Rechtgläubigen, kein Recht, u. s. w. In der That haben Sie bei Schließung des Vergleichs zugegeben und Sich stillschweigend gefallen lassen, daß der Schuldner etwas von seinem Vermögen behalte, wo nicht zum Besten anderer Gläubiger, doch wenigstens zum Besten der Seinigen, die er unterhalten muß. So lange Sie also keinen Grund haben zu vermuthen, daß er zu mehreren: Vermögen gekommen, als Sie damals geglaubt, sind Sie allerdings verbunden, ihm zum Besten der Seinigen auch ein abgenöthigtes Versprechen zu halten. Mit einem Wort: der gerade schlichte Menschenverstand ist in solchen verwickelten Fällen gerade allezeit der beste Richter. Nach diesem haben Sie, werthester Freund, ohne Wortpsuscherei entschieden, und diesem fällt nach einem drei Seiten langen Geschwätze endlich bei Berlin den 15. Juli 1783. Ihr Freund Moses Mendelssohn.