Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1890
- Issue
- Heft 1
- Article
- Parodie auf Schillers Tell
- Date
- 1890-01-01
- Page
- Seite 96 (sequence 1)
- Language
- German
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96 Miscellen. 7. Parodie auf Schillers Teil. Eine Parodie von Schillers Tell: „Wilhelm Tell der Tausendkünstler oder der travestierte Tell. Ein heroisch-komisch-historisch-lyrisch-poetisches Schauspiel mit Gesang, Tanz und Spektakel in drei Akten von A. C. Niemann. Mann will auch einmal Kartoffeln verdaun. Und nicht immer Ananas kaunü! Mit einem illuminirten Kupfer. Uri, 1805, in der ganzen jetzigen Schweiz und in Deutschlands vorzüglichsten Buchhandlungen" ist ein ziemlich Witz- und kraftloses Stück. Die demselben zu Grunde liegende nicht üble Idee, der Vergleich des Zwingthurmes mit einer Literaturzeitung, ist nicht ordentlich durchgeführt. Die Schweizer Bauern sind Schauspieler und Literaten. Es fehlt bei dieser Gelegenheit nicht an Stichen gegen Goethe, Jffland, Kotzebue („Gradaus" ist natürlich der Freimütige, die „ellenlange Zeitung" die „Zeitung für die elegante Welt") und manche andere. Am wenigsten wird Schiller verspottet. Nur einzelne Sentenzen aus dem Tell werden an ziemlich unpassender Stelle erwähnt und mit gesperrter Schrift herausgehoben, um die Absicht der Verspottung anzudeuten. Einzelnes ist nicht ohne Humor, besonders die Rolle, welche die Frauen spielen, vornehmlich die der Gattin des Walther Fürst. Das Abschiedslied, das diese mit ihrem Manne bei ihrer Trennung singen, ist wohl das Witzigste des ganzen Stückes. Uns interessiren aber besonders die Erwähnungen der Juden, gelegentliche Anspielungen S. 19 und S. 22. Die Grattenauer-Coßmannsche Fehde für und wider die Juden (vgl. Zeitschr. Bd. III, S. 94 folg.) wird mehrmals berührt, vgl. S. 43, 73, 115, natürlich im antijüdischem Sinne. So heißt es z. B.: „Wir streiten wie Philister gegen ihn Wie Grattenauer gegen Israel", oder Geßler sagt zu den Wilh. Tell verteidigenden Bauern: „Ei, ihr verteidiget so schofel wie Der Coßmann Judentugenden". Das Charakteristischste ist, daß Tell, wie er von den beiden Trabanten des Vogtes wegen der unterlassenen Reverenz gepackt wird, jüdisch spricht (S. 99): „Au weil Wos ist dos fer ä Chuzbe, dos?" und Frieshard dann antwortet: „Hör', wie der Jude schmust." Die Erwähnung dieser einzelnen Parodie würde sich nicht lohnen, wenn nicht zugleich mit dieser Hervorhebung eines Einzelwerkes ein ganzes Gebiet erschlossen werden sollte. In den Parodien der classischen Meisterwerke der deutschen Literatur bezieht sich Mancherlei auf jüdische Verhältnisse und Personen; einzelne dieser Parodien sind ganz oder theilweise im