Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1889
- Issue
- Heft 2
- Article
- Vor hundert Jahren
- Date
- 1889-01-01
- Page
- Seite 186 (sequence 2)
- Language
- German
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186 Geiger: Vor hundert Jahren Aus diesem Grunde ist die Vossische Zeitung, die damalige Hauptzeitung Berlins — außer ihr gab es nur noch eine, die Spenersche Zeitung, die gleich jener, nicht etwa täglich, sondern dreimal wöchentlich, in denkbar dürftigster Ausstattung, in kleinem Format und geringem Umfang erschien — in ihrem politischen Teil keine genügende, ja nicht einmal eine ausgiebige Quelle für die Geschichte der Juden Berlins. Die ausführlichen und häufigen Nachrichten über Verhältnisse und Schicksale der Juden an anderen Orten sind aber deswegen wichtig, weil sie die Stimmung der Berliner Bevölkerung zum Ausdruck bringen. Zwar enthalten ja diese Berichte — und auch dies gehört zum Charakteristischen des Berliner Zeitungswesens — keine Urteile, aber die Auswahl der aufgenommenen und die Fassung der meisten zeigt, daß wir uns in dem Berlin der Aufklärungszeit befinden und daß die Herausgeber der Zeitung den Kreisen nicht fern standen, welche für Emanzipation der Juden in und außerhalb Berlins thätig waren. Nach diesen wenigen einführenden Bemerkungen mögen die Zeitungsberichte möglichst in chronologischer Reihe folgen. Die Vossische Zeitung vom 17. August 1788 Stück 95 enthält den Auszug eines Briefes aus dem Oesterreichischen 29. Juli, der mit den Worten beginnt: „Bekanntermaßen erging vor einiger Zeit von Seiner kaiserlichen Majestät der Befehl, einen Teil von den in seinen Ländern wohnenden Juden zum Kriegsdienst auszuheben. Kaum war dieser Befehl bekannt gemacht, sandten schon die Judengemeinden in Galizien Deputierte nach Wien, um bei dem Hofe dagegen Vorstellungen zu thun, zu welchem Ende sie auch die Triester Judenschaft ausforderten, um mit ihnen gemeinschaftliche Sache zu machen. Wahrscheinlicherweise gründet sich ihre Widersetzlichkeit auf die Furcht, daß ihre Glaubensgenossen im Felde die Ceremonialgesetze nicht würden beobachten können. Ihr Aufforderungsschreiben wurde von der Triester Judengemeinde in einem hebräischen Briefe beantwortet, der den Gesinnungen der Juden sowohl in Betracht der Ehrfurcht und Dankbarkeit gegen ihren huldreichen Landesvater als der aufgeklärten Begriffe gewiß Ehre macht." Die Triestiner (unterzeichnet sind die Verordneten, zugleich im Namen ihres Rabbiners) rühmen in dem wörtlich mitgeteilten Briese den Monarchen, der die Juden zu Handwerken, Künsten und Wissenschaften zulasse und nun auch wolle, daß sie wider die Feinde des Vaterlandes die Waffen ergreifen. Einem solchen Vertrauen müsse man entgegenkommen. Die Talmudisten haben die Juden in Kriegszeiten von vielen Ceremonien freigesprochen. Man müsse dem kaiserlichen Befehl durchaus Folge leisten; das einzige, was man zur Beschwichtigung der Bedenken Einiger thun könne, sei, den Kaiser zu bitten, eine Kommission, bestehend aus hohen Staatsmännern, Rabbinern und Vorstehern der Judenschast zu ernennen, die wegen Beobachtung der Ceremonien das Nähere bestimmen soll. Das Schreiben ist ungemein merkwürdig, weil gerade die Nicht-Zuziehung der Juden zu Kriegsdiensten von den Feinden derselben als Grund gegen ihre Emanzipation betrachtet wurde und weil serner die orthodoxen Juden das Ceremonialgesetz beständig als Grund anführten, keine Kriegsdienste zu leisten.