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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1887-01-01 · Heft 1 · p. Seite 44

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1887
Issue
Heft 1
Article
Moses Mendelssohn und das Judenthum
Date
1887-01-01
Page
Seite 44 (sequence 44)
Language
German
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44 vi'. Jakob Auerbach, Moses Mendelssohn und das Iudenthum. der Leibniz-Wolff'schen Schule niedergerissen und bewirkte eine völlige Umwälzung auf dem Gebiete der Philosophie. Unermeßlich groß sind aber in allen Beziehungen die Veränderungen, die während des seit dem Tode Mendelssohns verflossenen Jahrhunderts stattgefunden haben, und nicht minder groß die erreichten Fortschritte und Errungenschaften. Ganz andere Anschauungen, Interessen und Bestrebungen beherrschen das wissenschaftliche und öffentliche Leben. Dabei sind aber auch manche Ideale des vorigen Jahrhunderts mehr oder weniger erblaßt. Die optimistische Weltanschauung in ihrem richtigen Verstände, d. h. der Glaube an eine höhere Weltordnung und das Walten der göttlichen Liebe, welcher das Wesen aller wahren Religion ausmacht, wird von einem traurigen und vergiftenden Pessimismus bedroht. Selbst das Wort „Humanität", das die edelsten Herzen zur Begeisterung entflammte, wird von Realpolitikern als bloße Phrase und nur mit Lächeln vernommen, ähnlich etwa, wie in alter Zeit die Propheten verspottet wurden, welche dem thörichten Vertrauen auf äußere Macht und äußerlichen religiösen Werkdienst gegenüber zur innern Läuterung und Erhebung ermahnten. Welcher Deutsche sollte sich nicht der nach langen und schweren Kämpfen errungenen Einheit und Machtstellung des deutschen Vaterlandes freuen! Das deutsche Volk wird aber darob seiner höchsten Ideale nicht vergessen. Und die Fragen, welche die hervorragendsten Geister des achtzehnten Jahrhunderts, einen Lessing, Herder und zahlreiche Andere bewegten, sind keineswegs veraltet; sie kehren in veränderter Fassung und Richtung immer von neuem wieder und harren ihrer endlichen Lösung auf realem Boden und im Widerstreite der realen Gewalten. Das richtige Verhältniß der verschiedenen Religionen und Konfessionen zu einander, das friedliche Zusammenwirken verschiedener Nationalitäten in dem sie alle umfassenden Staat, die Vereinigung der Völker und Staaten als Glieder der gesammten Menschheit, mit einem Worte: die großen und weltbeglückenden Menschheitsideale bleiben unverrückbare Ziele menschlicher Bestrebungen, wenn diese einen höheren Werth behaupten und sich nicht in niedrige Selbstsucht verlieren sollen. Und da ist es wohlthuend, wenn wir die Werke jener Vorkämpfer für Humanität zur Hand nehmen und — von ihrer sonstigen Bedeutung in unserer klassischen Literatur ganz abgesehen — wieder den in ihnen waltenden warmen Hauch edler Begeisterung für die Ideale reiner Menschlichkeit empfinden. Gewiß verdienen in dieser Hinsicht auch die Schriften Mendelssohns wieder gelesen zu werden, deren zarter Sinn und ruhiger Ton, deren Klarheit und Deutlichkeit, die von Oberflächlichkeit und Flachheit weit entfernt ist, deren tief sittlicher und reiner religiöser Geist so bildend und veredelnd wirken. Im Zusammenhange und Lichte der höchsten Kulturfragen betrachtet, werden seine Worte wieder neu und lebendig. Unstreitig gilt dies besonders für die Juden und alle das Judenthum betreffenden inneren und äußeren Fragen. Von Lessing sagt treffend Erich Schmidt: „Er ist uns nach mehr denn hundert Jahren oft wie ein Gegenwärtiger, den man um seine Meinung befragen möchte". Ganz dieselbe Bedeutung hat Moses Mendelssohn für das Judenthum.

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