Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1887
- Issue
- Heft 1
- Article
- Moses Mendelssohn und das Judenthum
- Date
- 1887-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Dr. Jakob Auerbach, Moses Mendelssohn und das Iudemhum. 5 So groß auch die Leiden der Jahrhunderte waren, so hatten die Juden doch den Much des Herzens nicht verloren. Wohl aber hatten diese Leiden ihre äußere Erscheinung niedergebeugt, und der ihnen gebotene tiefste Lebensernst mußte dem Angesicht seine Furchen einprägen. Nur im Innern des Hauses fühlten sie noch jene Lebensfreudigkeit, die einen Grundzug altbiblischer Schriften bildet, zu der bei den Vorschriften über die Feier der Feste als gottgefällige Äußerung des frommen Sinns aufgefordert wird und die noch der Verfasser des Koheleth als eine sich aller Grübeleien entschlagende Weisheit empfiehlt. Selbst der in der biblischen Zeit so lebendige Sinn für die Schönheiten der Natur war beinahe erloschen. Von der Außenwelt abgeschlossen und abgewandt, durch die Noth des Lebens beengt, achteten sie kaum auf äußere Erscheinungen, von denen nicht ihr eigenes Schicksal abhing. Zwar wies die Religion auch auf die Wunder der Schöpfung hin und gewöhnte sie, das Lob Gottes auszusprechen bei Donner und Blitz, wie beim Erscheinen des Frieden verheißenden Regenbogens und beim ersten Anblicke eines blühenden Baumes, und welches auch noch so sehr bedrängte Menschenherz hätte nicht immer wieder den neubelebenden Odem der Natur empfunden! Aber das Leben in allen seinen Beziehungen war der Natur entfremdet. Ihnen war der Anspruch auf den Besitz eines Stückchens der schönen Erde versagt; nur in schwacher Erinnerung war noch die Zeit, wo die Menge ihres Volkes, unter Führung der Sänger, mit lautem Jubel und Dank, zur Festesfeier nach dem Gotteshause wallte. Der ihnen gestattete Erwerb war von allem entfernt, was im Ackerbau, in Handwerken und Künsten mit dem Naturleben zusammenhängt. ') Unter solchen Verhältnissen waren auch tiefere innere Schäden unausbleiblich. Eine nicht unbeträchtliche Anzahl Juden, die vielleicht unter besseren Lebensbedingungen sich als achtungswerthe Menschen und Bürger bewährt hätten, führten, da sie nirgends einen festen Wohnsitz und einen ehrbaren Nahrungszweig gefunden hatten, ein herumschweifendes abenteuerliches Leben und suchten ihren Unterhalt auf unehrenhaften und meist unredlichen Wegen.-) Andere trieben Wucher und erlaubten sich Betrug Als es sich darum handelte, eine Schrift zu recensiren, deren Tendenz ihm willkommen war, obschon er die Art der Darstellung nicht billigte, schrieb Mendelssohn an Nicolai: „Ach! wenn ich mit einer Recension fünfzig Judenkinder zu Handwerksgesellen und dreißig Leibeigene zu Freibauern machen könnte, so würde ich den guten Geschmack um Verzeihung bitten." (Kayserling, Anhang, Nr. 2.) 2) In den Anmerkungen zu der vorurtheilsvollen Kritik, welche Michaelis über Dohms Werk: „Über die bürgerliche Verbesserung der Juden" veröffentlicht hatte, sagte Mendelssohn (Dohm II, 73): „Diebshehler finden sich allerdings unter den jüdischen Trödlern nicht wenige; aber eigentliche Diebe sehr wenige, und diese sind größtentheils Leute ohne Schutz, die nirgend auf dem Erdboden unterkommen können. Sobald sie zu einigem Vermögen gekommen sind, kaufen sie sich von den Landessürsten ein Schutzprivilegium, und verlassen ihr bisheriges Gewerbe. Dieses ist notorisch, und mir selbst sind in meinen jüngeren Jahren manche bekannt gewesen, die in meiner väterlichen Heimat ein ganz unbescholtenes Leben geführt haben, nachdem sie einige Jahre mitgelaufen, und so viel zusammengescharrt hatten, als zur Erkaufung eines Schutzes erfordert wird. Ein Unwesen, das man bloß der seinen Politik zu verdanken hat, den armen Juden allen Schutz und Ausenthalt zu ver-