Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1887
- Issue
- Heft 1
- Article
- Moses Mendelssohn und das Judenthum
- Date
- 1887-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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2 vr. Jakob Auerbach, Moses Mendelssohn und das Iudenthum. erlebte Vorfälle mochten sein sonst stets heiteres und zufriedenes Gemüth betrübt und ihn zu seiner Klage veranlaßt haben. Aber die Art, wie er seinen Schmerz äußerte, vergegenwärtigt uns auch den erhebenden Geist der Humanität, der für die Zeit Lessin gs und Herders charakteristisch ist. Mendelssohn erlangte von dem philosophischen Könige Friedrich II. erst im Jahre 1763, also nachdem er bereits allgemeine Anerkennung und Verehrung gefunden hatte, das Privilegium eines Berliner Schutzjuden, und zwar nur nach wiederholtem, von dem Marquis d'Argens eindringlich unterstütztem Gesuche. Nichtsdestoweniger aber ist es das von dem großen- Könige erweckte reiche und mächtige Geistesleben, durch welches auch Mendelssohn zu seiner Wirksamkeit befähigt wurde. Er selbst hat es mit Dank gegen die göttliche Vorsehung gerne bekannt, wie sehr er seine Entwicklung den günstigen Verhältnissen seiner Zeit und des Staates, in dem er lebte, zu verdanken habe. Dem vierzehnjährigen armen und körperlich schwachen Talmudschüler, der im Jahre 1743 aus Dessau in Berlin einwanderte, standen große Hindernisse aller Art entgegen; er überwand sie, und der dort waltende befreiende Geist führte ihn in das Reich der allgemeinen Bildung und Wissenschaft. Hier hatte Mendelssohn seine Heimatsberechtigung gefunden, lange bevor ihm der dauernde Aufenthalt in Berlin zugesichert war, und wie damals eine neue Epoche in der Geschichte des deutschen Volks begann, so steht auch sein Name an der Spitze der neuen äußeren und inneren Geschichte seiner Religionsgenossen. Es war das Gebiet der freien philosophischen Wissenschast, in welchem der junge jüdische Wahrheitsforscher sich einbürgerte und bald auch als stimmberechtigt anerkannt wurde. Man betrachtet es mit Recht als bezeichnend für Friedrich II., daß eine seiner ersten Regierungshandlungen die Zurückberufung des von seinem Vater verbannten Philosophen Christian Wolfs war. In der zur Geltung gekommenen Leibniz-Wolfs'schen Philosophie fand Mendelssohn nicht nur ein bisher entbehrtes Bildungsmittel, sondern auch die seiner Individualität entsprechende Weltanschauung. Sein scharfer, von Natur geradsinniger, durch das Talmudstudium dialektisch geübter Verstand, der sich frühzeitig in den „Führer der Verirrten" des Maimonides vertieft, dann mit Israel Samosz sich in den höchsten Regionen metaphysischer Spekulation ergangen und mit Hülfe desselben sich aus einem hebräischen Buche auch mathematische Kenntnisse angeeignet hatte, lernte in den Schriften Wolffs die Leibniz'sche Philosophie in systematischer, logisch folgerichtiger Ordnung und in ihrer Anwendung auf verschiedene Gegenstände des Wissens kennen und wurde damit zugleich methodisch und gründlich geschult. Der bescheidene, von aller Ueberhebung entfernte Denker bewahrte seine Dankbarkeit gegen Wolsf bis ans Ende seines Lebens, wo man bereits mit Geringschätzung auf denselben herabblickte. Sein an Joh. Christoph Schwab gerichteter Brief vom 26. April 1785 beginnt mit den Worten: „Ich freue mich, in Deutschland einen Philosophen zu finden, der sich nicht schämt, Wolffianer zu seyn. Den Schriften dieses Weltweisen habe ich meine erste Bildung zur Philosophie zu verdanken; daher ich eine Art von Vorliebe für ihn jederzeit behalte, und mir ein Vergnügen machen werde, alles zu retten, was aus seiner Feder geflossen