Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Briefe von Mannheimer Juden aus den Jahren 1695 bis 1697
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 99 (sequence 2)
- Language
- German
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Berthold Rosenthal. Briefe von Mannheimer Juden aus den Jahren 1693 bis 1697 Freunde in Wien gelangen lassen wollten, die aber dem bestellenden Boten in den ersten Wirren des 30jährigen Krieges unterwegs geraubt wurden, so daß sie nie ihre Empfänger erreichten2). Während aber die Prager Briefe, da sie an Glaubensgenossen gerichtet waren, durchweg in hebräischer Schrift, teilweise auch in dieser Sprache abgefaßt sind und sich meist mit familiären Dingen befassen, sind diese für Mannheimer städtische Beamte bestimmten und auch an diese gelangten Mitteilungen alle in deutscher Schrift niedergeschrieben und behandeln vorwiegend öffentliche, besonders Gemeindeangelegenheiten, deren Erörterung durch die Zeitverhältnisse bedingt war. Es waren damals schlimme Jahre, vielleicht die traurigsten, die die Bevölkerimg am Oberrhein verlebte: die Verwüstung der Pfalz durch die Franzosen. Am schlimmsten erging es der Stadt Mannheim. Sie und die ihr gegen den Rhein vorgelagerte Zitadelle Friedrichsburg wurden 1689 in einen Trümmerhaufen verwandelt3). Die Bewohner mußten als Flüchtlinge in die Fremde ziehen. Die Judengemeinde traf das gleiche Schicksal. Es waren etwa 80 jüdische Familien, die nach Zerstörung der Stadt zum Wanderstabe griffen. Die meisten fanden in anderen kurpfälzischen Ortschaften Aufnahme. Denjenigen, die sich nach Heidelberg begeben hatten, wurde im Juli 1689 anbefohlen, sich innerhalb acht Tagen mit den Ihrigen von Heidelberg, als der Residenzstadt, zu entfernen. Durch ein vom Mannheimer Stadtrat befürwortetes Gesuch4) und persönliche Vorstellungen5) konnte aber dieser Beschluß gemildert werden. Denn 1693, als Heidelberg von französischen Truppen zerstört wurde, verließen alle Mannheimer Flüchtlinge diese Stadt Bis sie wieder nach Mannheim zurückkehren konnten, gab es für die Geflüchteten mancherlei Mißhelligkeiten, von denen jene Briefe berichten. Auch im Exil hatte die Mannheimer Judengemeinde nicht aufgehört zu bestehen. Obwohl ihre Glieder auf pfälzischem Gebiete zerstreut und einzelne außer Landes lebten, betrachteten sie sich noch als zusammengehörende Gemeinschaft und beanspruchten nach der Konzession behandelt zu werden, die ihnen der neue Kurfürst Johann Wilhelm 1691 bewilligt hatte6). Aufgrund dieses Privilegs stellte der Stadtrat jedem Mannheimer Schutzjuden einen kurz befristeten Freigeleitschein aus, durch welchen dem Inhaber bestätigt wurde, daß er „ein wirklicher Schirmbs Verwanther von Mannheim, und daher ratione des Taschengeleydts, der von Ihrer Churfürstl. Dchlt. der Mannheimer Judenschafft gndst. ertheilten Schirmbs Concession gemäß, in Chur Pfaltz Landen frey zu passiren seye"7). Der Pächter des Judengeleits für die kurpfälzischen Lande, Moses Öppenheimer in Heidelberg, glaubte sich durch diese Maßnahme geschädigt und beschwerte sich wiederholt bei der Regierung, der Mannheimer Stadtrat überschreite seine Befugnisse, indem er fremden Juden über Gebühr Freischeine erteile. Wenn die Mannheimer Stadtverwaltung, die damals in Heidelberg, später in Hanau ihren Sitz hatte, diesen Angriffen mit aller Schärfe entgegentrat, so geschah dies nicht nur zur Selbstverteidigung, sondern auch zur Wahrung der Rechte ihrer Juden, denen im Exil sowieso verschiedene Wohltaten ihrer Konzession vorenthalten werden mußten8). 2) Landau-Wachstein: Jüd. Privatbriefe aus dem Jahre 1619, Wien—Leipzig 1911 (Quellen u. Forschungen zur Gesch. d. Juden in Deutsch-Österreich III). 3) F. Walter, Geschichte Mannheims I, S. 327 ff. *) Löwenstein, Gesch. d. Juden in d. Kurpfalz, S. 107 rf. 5) RP (= Mannheimer Ratsprotokolle) 18.1. 1690. 6) Diese Konzession ist abgedruckt bei Löwenstein a.a.O., S. 111 ff. ') MA XV ii usw. Akt 58 (31. X. 1697). s) MA XV" usw. Akt 4 (13. IX. 1691), Akt 7 (12. XI. 1691), Akt 8 (28. X. 1691), Akt 11 (16.1.1692). 7* 99