Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Die geistigen Strömungen des 18. Jahrhunderts und das Judenproblem
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 72 (sequence 2)
- Language
- German
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* Selma Stern-Täublcr. Die geistigen Strömungen des 18. Jahrhunderts und das Judenproblem stischen Staates vollständig deuten. Die Judenpolitik des Großen Kurfürsten war im Wesen des freihändlerischen, frühkapitalistischen, ständefeindlichen Militär- und Beamtenstaates begründet. Die Judenpolitik Friedrichs I. fand ihre Erklärung in den Geldbedürfnissen eines verschuldeten Hofes und einer verschwenderischen „Kamarilla" und in der beginnenden Schutzzollpolitik der Regierung. Dagegen stößt man bei dem Versuch, die Stellung des brandenburgisch-preußischen Staates zum Judenproblem aus den Akten und Veröffentlichungen der Zeit Friedrich Wilhelms I. zu erfassen, auf zahllose Widersprüche. Die Regierung unterbricht offensichtlich und in schroffster Form die bisher befolgte Tendenz der Toleranz. Sie versucht durch Ausweisbefehle, durch Beschränken der Zahl, durch Einengen des Handels, durch strenges Beaufsichtigen, Reglementieren und Kontrollieren den Juden den Aufenthalt möglichst zu erschweren. Im Gegensatz dazu stehen Beweise einer auffallenden Begünstigung. Fürsorge der Beamten für die jüdische Bevölkerung, ihre Ansiedlung in den einzelnen Provinzen, ihre Zuziehung zu Fabrikgründungen und Lieferungen, Versuche zur Hebung ihrer Erziehung und Bildung entsprechen ebenso oft und ebenso unbegründet den judenfeindlichen Bestimmungen. Liegt ein Widerspruch im Verhalten des Königs vor oder ein Widerspruch zwischen dem Verhalten des Königs und dem seiner Beamten? Es wird sich zeigen, daß gesinnungsmäßig tatsächlich der König und seine Beamten auseinandergingen, aber nicht nur in der Judenfrage, sondern in den humanitären und politischen Ideen überhaupt. Die sich widerspruchsvoll entwickelnde Behandlung der Judenfrage gehört den allgemeinen Spannungen an, die den preußischen Staat im Kampfe alter und neuer Ideen und Tendenzen auf einem langen Weg zur Umgestaltung brachten. Die Judendinge sind ein extremer Grenzfall; aber ihre Entwicklung ist in demselben Maße ideell und tatsächlich mit der allgemeinen humanitären und bürgerlich-politischen Entwicklung ebenso verknüpft, wie diese sich in ihnen spiegelt. Die Regierung Friedrich Wilhelms I. fiel, ideengeschichtlich betrachtet, in die Epoche des beginnenden Rationalismus, staatspolitisch gesehen, in die des aufgeklärten Despotismus, von der wirtschaftlichen Seite angesehen, in die des ausgeprägten Merkantilismus. Diese drei Faktoren, der Rationalismus, der Absolutismus, der Protektionismus, die in engster Wechselwirkung zueinanderstanden, waren die großen leitenden Prinzipien, durch welche die Geschichte der europäischen Staaten vom Anfang bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts bestimmt wurden. Sie machten aus den schwerfälligen, territorial und ständisch gebundenen Staaten des 17. jene gelenkigen, fein organisierten Staaten des 18. Jahrhunderts, die nicht mehr durch die Weihe eines gottähnlichen Fürsten, sondern durch die harte Arbeit eines königlichen Dieners Form und Inhalt empfingen. Sie vertauschten die Idee der Staatsvergottung durch die weltliche Idee der Staatsmacht und der Staatsinteressen, sie ersetzten den Glanz des „Sonnensystems" durch die Strenge und Logik des Gedankens und die'Nüchternheit der Pflicht. Die Judenpolitik des Großen Kurfürsten war noch im wesentlichen aus den wirtschaftlichen und finanziellen Bedingungen des Staates heraus erklärlich. Die Staaten des 18. Jahrhunderts dagegen, die sich mit allen philosophischen, nationalökonomischen, staatstheoretischen und publizistischen Ideen des Jahrhunderts erfüllten und versuchten, die Verfassung und Verwaltung, die Wirtschaft und Gesellschaft auf 72