Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1937
- Issue
- Heft 1
- Article
- [Rezension] / Littmann, Ellen
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 58 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Literatur Eugen Wölbe, Geschichte der Juden in Berlin und in der Mark Brandenburg. Berlin 1937. Verlag Kedem. 320 Seiten. Der Umschlag dieses Buches trägt das Motto „Den Hierbleibenden ein Hausbuch, den Auswandernden ein Andenken". Als ein solches „Hausbuch" muß diese Geschichte zunächst gewertet werden. Auf knappem Raum gibt Wölbe •einen Gang durch die Geschichte der Juden Berlins und seiner Umgebung, eingebettet in die allgemeine preußisch-deutsche Geschichte und in die Geschichte der Juden des Reiches. Das wechselvolle Schicksal der jüdischen Gemeinden, Niederlassung und Vertreibung, Wanderung und Einordnung in die Umgebung rollt vor unserem Auge ab. Es ist ein Buch voller historischer Tatsachen, aber, wie doch auch gesagt werden muß, fast nur eine Aneinanderreihung von Tatsachen, die häufig nicht einmal ganz genau angegeben werden. Es fehlt dieser Geschichte jede wirkliche einigende Idee, der rote Faden, den wir so gerne hinter diesem wechselvollen Schicksal ahnen möchten. Gewiß, der Verfasser gibt im Vorwort selbst zu, daß die „Beschränkung auf ein verhältnismäßig kleines Gebiet" „jeden Versuch philosophischer Fragestellung etwa nach Sinngebung und Endziel jüdischer Geschichte" ausschließe. Dennoch hätte in den Kapiteln über das 18. und 19. Jahrhundert z. B. das geistige Leben der Berliner Judenheit vielleicht doch tiefgründiger dargestellt werden müssen. Der unbefangene Leser muß den Eindruck gewinnen, als habe sich das jüdischgeistige Leben dieser Epoche fast nur um die Gottesdienstfrage gedreht. Die ganze Tiefe der geistigen Bewegungen, die von Geiger, Hirsch und Frankel ausgehen und die auch von der Wissenschaft des Judentums und ihren Institutionen innerhalb des jüdischen Gemeinschaftslebens bewirkt wird, kommt doch nur sehr schemenhaft in dieser Darstellung zum Ausdruck. Ein gleiches gilt auch von Herzl und der zionistischen Bewegung. Vom Standpunkt einer wissenschaftlichen Geschichtsschreibung aus scheint es mir nicht haltbar, Quellen in Anführungsstrichen zu zitieren, ohne genau auf den Wortlaut der Urkunde zu achten. Kapitelüberschriften wie „. . . und will sein Opfer haben", „Flammenzeichen", „Heimgefunden" zeugen von einem so starken Ressentiment, %nit dem man Geschichte eigentlich nicht schreiben sollte. Die Lücke, die seit dem Erscheinen der Geigerschen Geschichte vor 65 Jahren besteht, ist mit diesem Buch nicht ausgefüllt worden. Berlin. Ellen Littmann. Leopold Moses, Die Juden in Niederösterreich, mit besonderer Berücksichtigung des XVII. Jahrhunderts. Mit einer Kartenbeilage und 19 Abbildungen. Verlag Dr. H. Glanz. Wien 1935. 203 Seiten. Es war ein glücklicher Gedanke, die bekannten historischen Werke von Gerson Wolf, David Kaufmann, Alfred Francis Pribram, Max Grunwald über die Juden Österreichs durch eine Geschichte der jüdischen Siedlungen in Niederösterreich außerhalb Wiens ergänzen zu wollen. Der Verfasser hat mit Fleiß eine Menge interessanten Quellenmaterials zu einer Darstellung der äußeren Schicksale, der sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse der niederösterreichischen Juden im 17. Jahrhundert zusammengebracht, dem allein selbständige Darlegungen gewidmet sind. Es hätte ausgereicht, um ein deutliches Bild von der politischen und sozialen Abhängigkeit der „Landjuden" von ihrer wirtschaftlichen Betätigung im Tuchhandel und in der Bekleidungsindustrie, im Salz- und Weinhandel, im Pferde- und Viehgeschäft, im Juwelen- und Edelmetallhandel, nicht zuletzt auch von ihrem inneren kulturellen Leben zu entrollen. Aber leider war der Verfasser der wissenschaftlichen Bewältigung seines Stoffes nicht gewachsen. Statt den Quellen die historischen Tatsachen zu entnehmen, sie in die großen Zusammenhänge der allgemeinen und der österreichischen Judengeschichte hineinzustellen und in zusammenhängender Darstellung wissenschaftlich zu bewerten, schreibt er bloß einen verbindenden Text zu den zahlreichen Urkunden, die er — oft unvollständig — zum Abdruck bringt. So ist das Buch weder eine geschichtliche Darstellung noch ein Quellenwerk geworden. Die systematische Anordnung ist unzulänglich, die historische Auswertung bleibt meist an der Oberfläche haften. Man vergleiche etwa die Ausführungen über die Judensiegel auf S. 80, über die Inschriftenfunde auf S. 85 ff. Wo der Verfasser eine historische Darstellung geben will, wie in 58