Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Juden in Unterfranken während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 238 (sequence 30)
- Language
- German
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Guido Kisch. Deutsche Literatur in hebräischer Obersetzung Geschichte der fränkischen Juden im Mittelalter. Erst 1861 fielen endlich die letzten die Juden beschränkenden Gesetze. Eine Periode der Bedrückung, des Kampfes und der Gefahr hatte ihren Abschluß gefunden, freilich nicht ohne ihre Spuren zu hinterlassen: die einseitige soziale Schichtung der Juden und ihr Hineinwachsen in jene Kreise, von denen ein großer Teil mit dem Fortschreiten des Kapitalismus die Verbindung mit den übrigen Volksschichten, wenn auch nur vorübergehend, verlieren sollte. Deutsche Literatur in hebräischer Uebersetzung Von Guido Kisch Die vom jüdischen Volk im Laufe seiner geschichtlichen Entwicklung immer festgehaltene Grundanschauung, dem Wissen Achtung, dem Nichtwissen Verachtung entgegenzubringen, hat die Juden seit dem Altertum zu Kulturmittlern in wichtigen Gebieten des Geisteslebens bestimmt. Das zwar nicht mit einem Landgebiet, aber mit der Heiligen Schrift begnadete Volk, die man vor allen anderen zur „Polyglotte", zur Vielsprachigkeit, erhob, ist zum Volk der Sprachen geworden. Es hat außer seiner „heiligen Sprache" stets auch die Nationalsprachen der Völker, unter denen es lebte, sich anzueignen und zu meistern verstanden. Die Juden waren namentlich im frühen Mittelalter unter den wenigen, die mehrere Sprachen beherrschten, und daher imstande, aus einer Sprache in die andere zu übersetzen, wodurch sie vielfach zur Verbreitung einer Literatur beigetragen haben, die heute zum Gegenstand historischer Untersuchungen in jedem Zweig des menschlichen Wissens geworden ist. Denn allezeit waren sie bemüht, sich die geistigen Errungenschaften ihrer Umwelt nutzbar zu machen1). Dies dürfte wohl der ursprünglichste und selbstverständlichste Grund dafür sein, daß sie sich vorzugsweise zum Übersetzen gedrängt fühlten und zu Übersetzern geworden sind. Indem die Juden frühzeitig die Schriften der klassischen griechischen und römischen Meister, die Werke arabischer Ärzte und die Schriften der zeitgenössischen Philosophen und Mediziner in hebräischer Sprache sammelten und aus ihnen ihr Wissen schöpften, dienten sie in hohem Maße dem geistigen Austausch unter den Nationen. Die Einwirkung arabischer Kultur auf die Juden, die Wechselwirkung jüdischer und arabischer Bildung in Schrift und Sprache, in Ideengeschichte und Brauchtum ist ebenso bekannt wie die Bedeutung der Juden als Vermittler arabischer Wissenschaft für die christliche Welt des Abendlandes. Die Teilnahme der Juden an christlicher Literatur durch Obersetzungen von Werken philosophischen, medizinischen und mathematischen Inhalts ist in vollem Umfang erst durch Moritz Steinschneider erwiesen worden. In seinem klassischen Werk „Die hebräischen Übersetzungen des Mittelalters und die Juden als Dolmetscher" (Berlin 1893), das er selbst bescheiden als einen „Beitrag zur Literaturgeschichte des Mittelalters" bezeichnet2), hat der Altmeister der jüdischen *) Vgl. Moses Gaster, Geleitwort zu Jakob Meitlis, Das Ma'assebuch, Berlin 1933, p. XII. 2) Vgl. auch Steinschneider, Die europäischen Übersetzungen aus dem Arabischen bis Mitte des 17. Jahrhunderts (in: Sitzungsberichte der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien, philosophisch-historische Klasse CXLIX, Wien 1904 und CLI, Wien 1905). 238