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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1936-01-01 · Heft 4 · p. Seite 185

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1936
Issue
Heft 4
Article
Alfred Stern
Date
1936-01-01
Page
Seite 185 (sequence 1)
Language
German
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IRI
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ALFRED STERN 1846—1936 Alfred Stern, der vor wenigen Wochen im 90. Lebensjahre dahinschied, war der letzte deutsche Historiker, der noch inmitten der universalen und nationalen Strömungen des nachmärzlichen Liberalismus aufwuchs und die humanitären und freiheitlichen Ideen dieser seiner längst zur Geschichte gewordenen Jugendzeit einer reichen forscherlichen und literarischen, über mehr als zwei Menschenalter erstreckten Wirksamkeit mitzuteilen vermochte. Buckle, Gervinus, Häusser haben Sterns positivistische Grundhaltung und volksnahe Staatsbetrachtung bilden helfen. In Heidelberg, Berlin, Karlsruhe hat der vielbegabte Sohn des bedeutenden Göttinger Mathematikers (und ersten judischen Ordinarius) Moritz Abraham Stern herzliche Aufnahme und reiche Förderung gefunden. Er verkehrte im Kreise Johann Jacobys und bei den führenden Politikern der Fortschrittspartei, bei den Völkerpsychologen Lazarus und Steinthal, er war in literarischen Zirkeln oftmals zu Gast, kannte Victor v. Scheffel und Auerbach, Spielhagen, Frenzel und Rodenberg. Lujo Brentano war sein Studienfreund, mit Harry Bresslau und Alfred Dove hat er in denselben Seminaren gesessen. Seine geistige und gesellschaftliche Versatilität verband sich mit kraftvollem Forscherdrang und mit einer bis ins höchste Alter wirksamen Darstellungsfreudigkeit. Beides war bei Waitz, dem bedeutenden Verfassungshistoriker und Ranke-Schüler, in die rechte Zucht und Schule gekommen, und schließlich hat Ranke selbst den jungen Historiker zu seinen letzten Übungen zugelassen und an den berühmten offenen Dienstagabenden bei sich gesehen. Die Begegnung mit der Ranke-Schule war entscheidend für Sterns historische Bildung, Leistung und Fortwirkung. Wenn je die Gefahr bestand, daß der junge Forscher sich an einseitige Parteinahme verlor: in der Ranke-Waitzschen Schule fand seine angeborene Redlichkeit den methodischen Rückhalt für ein Gelehrtenleben, in dem zwar mitunter die Wahl der Gegenstände, die Temperatur des Urteils oder die stilistische Formgebung — aber niemals die strenge Wahrhaftigkeit des Forschers den politischen oder gesinnungsethischen Bindungen des Menschen unterlag. Stern hat die Geschichte des Bauernkriegs und die sozialen Probleme der Reformationszeit, das Leben Miltons und die große englische Revolution, die Lebensgeschichte Mirabeaus, die Entwicklung der preußischen Reform von 1807/13 sowie Einzelprobleme der Geschichte der Schweiz erforscht bzw. dargestellt. Schließlich hat er als Fünfzigjähriger den Plan gefaßt, die politische Geschichte des für ihn selbst noch zeitgenössischen Europa, die Geschichte Europas von 1815 bis 1871 mit Hilfe ausgedehnter Archivforschungen für i 185

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