Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Dankbrief Salomon Rothschilds an die Vertreter der Israeliten Wiens für den Glückwunsch zur Verleihung des Wiener Bürgerrechtes 1843
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 172 (sequence 2)
- Language
- German
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hänglichkeit, welche Sie bei der Gelegenheit eines Ereignisses, das, wie Sie selbst sich ausdrücken, einen neuen Abschnitt in der Geschichte der österreichischen Israeliten bildet, in Ihrer verehrten Zuschrift vom 11. Jänner 1843 so gemüthlich mir an den Tag legten, hat mein Herz um so mehr erfreut, als Sie, meine verehrten Herren, in diesem meinen Enkeln noch aufzubewahrenden Documente, nicht nur die innigste Theilnahme an der Ehren-Verleihung, die mir persönlich geworden, beurkunden, sondern zugleich, als die würdigen Repräsentanten der Gemeinde, die in Ihrem Innern längst gehegten, durch das mir allerhöchst ertheilte Zugeständnis noch mehr erweckten Wünsche zum Heile der israelitischen Gesamtheit aussprechen, der ich mit Liebe und Treue angehöre und der mit Gottes Beistande, meine sämtliche Familie, bis zum spätesten Gliede, mit gleichem fromm religiösen Gefühle immer angehören wird. Wenn meine geringen Leistungen, die ich dem österreichischen Staate und seiner Residenzstadt freudig und gewissenhaft widmete, nicht ganz zweck- und nutzlos waren, wenn ich, vereint mit meinen Brüdern, auch noch in andern Staaten vielleicht manches Ersprießliche zu vollführen so glücklich war, so hatten wir dabei nicht nur unser reges Streben zum Gedeihen der Staatswohlfahrt beizutragen, sondern auch den unmittelbaren Zweck stets vor Augen, durch unser thätiges, von den Staaten nicht unverkanntes Wirken den Beweis zu Hefern, daß in dem Fortschritte der Zeit die Israeliten die geistige Befähigung, die moralische Bildung und die patriotische Gesinnung in dem Grade erworben, um mit geistiger Verwendung, mit Gut und Blut dem Vaterlande dienen zu können, dafür auch würdig zu sein sich fühlen, zu jener gleichen Stufe berufen zu werden, die jedem andern Staatsbürger angewissen ist. So sehr ich daher das von Ihnen zuerst begrüßte Ereignis als die schönste und höchste Belohnung meiner schwachen Verdienste zu würdigen weiß, so sehr ich mich höchst geehrt fühle durch die freiwillige, von der allerhöchsten Gnade bestätigte Wahl der Gesamtbürgerschaft der Kaiserstadt als ebenbürtiges Glied der festen Kette gereiht zu sein, die in der Geschichte Oesterreichs durch erprobte Bürgschaft den Thron der angestammten Herrscher mit beharrlicher Treue schützend umschlungen, so wird dabei mein Freudegefühl dadurch geschwächt, daß ich gegenwär- 172 tig noch als begünstigte Ausnahme in dem Bunde meiner Glaubensgenossen erscheine, welche in der würdigen Stellung, die sie als treue Unterthanen in dem Staaten-Verbande einnehmen, ebenfalls auf Rechte, die allen anderen Religionsbekennern zukommen, Anspruch machen könnten. Ja, meine verehrten Herren, ich bin stolz darauf, der Erste meiner Glaubensgenossen zu sein, der sich Bürger der österreichischen Kaiserstadt nennen darf. Doch mögen Sie auch versichert seyn, daß ich mit diesem gerechten Stolze zugleich den sehnlichsten Wunsch verbinde, nicht für alle Zeiten unter den Israeliten auch nur der Letzte zu bleiben, dem dieses Zugeständnis ertheilt wurde. Lassen Sie uns daher, meine Herren, vereint hoffen, daß durch die Gnade Gottes die Milde des erhabenen Herrschers und durch die Weisheit seiner hohen Rathgeber, welche bis jetzt vielleicht nur darum, um nicht an verjährte Präventionen zu rasch anzukämpfen, langsamen Schrittes zur Ertheilung der Concessionen sich bewogen befunden, doch nun von der vorurtheilsfreien Gesinnung der bieder gesinnten Bürgerschaft Wiens die Gesamtheit unseres in so vielen Stürmen sich erhaltenen Stammes bald zu dem langersehnten Ziele gelangen wird, das der dankerfüllte Israelit als das theuerste Geschenk von seinem angeborenen Vaterlande mit treuer Bürgerpflicht zu bewachen und gewissenhaft zu bewahren sich bestreben wird. Lassen wir das Vertrauen und den Muth nicht sinken, daß bald die Zeit nahen wird, wo dem zu allen Opfern aut dem Altare des ihm theuern Vaterlandes bereitwilligen jüdischen Unterthanen vergönnt sein wird, bei dem Genüsse gleicher Rechte die mühsam errungenen Früchte geistiger Ausbildung dem öffentlichen Staatsdienste mit strengem Pflichtgefühl zu weihen, wo den österreichischen Israeliten auf dem heimatlichen Boden, den manches semer Kinder in den Tagen der Gefahr mit seinem Blute getränkt, außer der kleinen Scholle Erde, die erst am letzten Ziele des Daseyns sein Eigenthum wird, auch während des Lebens eines freien unbeschränkten Besitzthums sich zu ertreuen haben wird. Ihre Gott gefälligen Worte „Bruderliebe und freundliche Wohltätigkeit waren das Erbe unserer Väter'* ist der reine Wiederhall aus dem Herzen eines