Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Aus David Friedländers Mußestunden
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 134 (sequence 1)
- Language
- German
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Aus David Friedländers Mußestunden Von Jacob Jacobson Immanuel Heinrich Ritter weist in der Einleitung zu seiner 1861 erschienenen Friedländer-Biographie darauf hin, dass Enkel David Friedländers ihm Einsicht in Originale und seltene Drucke gewährt hätten. An einigen Stellen seiner Schrift, z. B. im Kapitel IX, teilt er bis dahin Ungedrucktes aus diesem Material mit. Die Materialien, die Ritter vorlagen, von ihm aber nur ganz spärlich berücksichtigt wurden, haben sich, soweit ich sehe, bis heute im Familienbesitz erhalten. Sie wurden mir kürzlich durch das freundliche und mich zu besonderem Dank verpflichtende Entgegenkommen eines Familienmitgliedes zugänglich gemacht. Sie sind so umfangreich und in ihrem Inhalt so vielseitig und so zeitgebunden, dass ich hier nur eine allgemeine Beschreibung und einige Proben geben kann. Den Hauptstock dieses mir zur Verfügung gestellten handschriftlichen Nachlasses bildet ein etwa 1100 Seiten starker Band in folio. Er enthält in der Hauptsache David Friedländers Briefe an seinen Enkel, den späteren Bibliothekar an der Kriegsakademie und Geheimen Archivrat Emil Gottlieb Friedländer1) (25. 9.1805—27.6.1878), daneben eine Reihe von Ausarbeitungen und Manuskripte zu Aufsätzen, die wie z. B. die Fragmente von und über Moses Mendelssohn in der Zeitschrift „Jedidja" durch den Druck bekannt geworden sind. Zu diesem Brief-Folianten kommen noch hinzu vier Hefte „Lesefrüchte, Anecdoten, Erinnerungen aus eigenem Leben, mitunter eigene Bemerkungen". Diese Lesefrüchte kehren z. T. in dem Briefband wieder, von dem über seine Funde offensichtlich erfreuten Grossvater dem Enkel mitgeteilt. Über den Charakter dieser Lesefrüchte äussert sich Friedländer in einer Art Vorrede folgendermassen: „In einer gewissen Stimmung, gefällt und frappiert uns ein Gedanke, eine Redensart, oft ein einzelner Ausdruck dermassen, dass wir, um sie im Gedächitniss auf zu bewahren, sie mehrmal laut wiederholen oder gar niederschreiben. — Nach einiger Zeit begreifen wir nicht, wie wir dazu gekommen diese Sächelchen schon zu finden, oder gar des Heraushebens werth zu achten: sie scheinen uns gemein, falsch, wenigstens alltäglich, oft Geschmack widrig. — So sammelt ein Spaziergänger am Strande des Meeres eine Menge bunte Steinchen, und steckt sich damit die Taschen voll, schleppt sich damit bis zu Hause, und wirft sie beym Wiederbeschauen eins nach dem andern oft alle weg. — Ob es mir selbst, oder einen meiner künftigen Leser, mit diesen niedergeschriebenen Allerley so gehen wird? Wer weiss! sehr möglich! Diese Bemerkung stehe wenigstens da als , Warnungszeichen'". Im wesentlichen die gleiche Linie wie die Lesefrüchte halten Friedländers Briefe an den Enkel. Auch sie umfassen das gesamte Gebiet der europäischen Geisteskultur; sie behandeln literarische, philosophische, philologische, religiöse Fragen und streifen nur selten das Politische. Häufig bringt Friedländer in diesen Briefen Parallelen aus dem i) Siehe über ihn A.D.B. 48, Leipzig 1904, S. 778—780. 134