Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- David Friedländers Übersetzung des Gebetbuches
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 133 (sequence 4)
- Language
- German
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Ismar Elbogen. David Friedländers Obersetzung des Gebetbuchs stets fortzuschreiten" als höchstwahrscheinlich voraus, daß dieser manches im Laufe der Jahre an der Arbeit gebessert habe. Er ahnt nicht, daß Friedländer inzwischen seinem Werk und dem ganzen jüdischen Gebetbuch völlig entfremdet ist. Wie ist es dazu gekommen? War es der Widerstand der Orthodoxie, der ihn zum Extrem trieb? Als der Prager „Oberjurist" Eleazar Fleckeies 1787 eine Predigtsammlung herausgab, die eine fanatische Zurückweisung der Mendelssohnschen Pentateuchübersetzung enthielt, bezog David Friedländer17) diese Anklage auch auf seine eigene „abscheuliche Sünde", die Übersetzung der Gebete, und hielt es für seine Pflicht, in einem „Sendschreiben an die deutschen Juden"? (1788) sich seiner „Mitübersetzer und Mitsünder anzunehmen". „Wenn ich auch kein Wort von dem Gebete verstehe, das ich herplaudere, wenn es nur hebräische Worte sind, so bewirken sie Andacht, Erkenntnis der göttlichen Wohltaten und 'Ergebung in den göttlichen Willen". Mit diesen ironischen Worten vern teidigt er sein Unternehmen, und es gibt heute niemand, der diese Verteidigung nicht billigt. Mit dieser Abwehr aber scheint gleichzeitig eine heftige Animosität gegen das Gebetbuch selbst in ihm Platz gegriffen zu haben. Der Aufklärer, der die Unverständlichkeit der Gebete mißbilligt, wird zum Reformator, der ihren Inhalt angreift. Nur wenige Jahre sind seit dem Erscheinen des Gebetbuchs vergangen, da verirrt er sich zu dem Urteil, daß „drei Viertel von den Gebeten voller Gotteslästerung und Abgötterei ist"18). Wieder ein Jahrzehnt später, in dem Sendschreiben an den Probst Teller19), beschimpft er die jüdischen Gebete als solche, die immer schlechter werden, deren Sprache Ohr, Logik und Grammatik beleidigt, die zum Glück von den meisten nicht verstanden werden, deren Inhalt für die heutige Zeit bedeutungslos, ja ungerecht sei. Endlich hat er 1812 in seiner unmittelbar nach Erlaß des Emanzipationsedikts verfaßten Schrift „Über die durch die neue Organisation der Judenschaften in den preußischen Staaten notwendig gewordene Umbildung 1. ihres Gottesdienstes in den Synagogen, 2. ihrer Unterrichtsanstalten und 3. ihres Erziehungswesens überhaupt. Ein Wort zu seiner Zeit"20) sich außerordentlich scharf gegen die Sprache und den Inhalt der Gebete gewendet. Er geht so weit, sie „ein Greuel des Herrn" zu nennen; insbesondere den messianischen Gebeten, der Bitte um Rückkehr nach Zion, um Wiederherstellung des Tempels und der Opfer steht er nicht nur verständnislos, sondern direkt mit feindseliger Gehässigkeit gegenüber. Es ist ein völliger Umschwung in seiner Einstellung eingetreten, er hat sich der alten Arbeit derart entfremdet, daß er an der Schwelle des Greisenalters an die Leistung, die er „in mezzo del cammin di nostra vita" vollbracht hatte, nicht erinnert werden will. Während andere das Werk für nützlich und eines Neudrucks wert halten, hat der Verfasser es vollständig aus dem Gedächtnis verloren, nie wieder angesehen und nicht einmal ein Exemplar in seiner Bibliothek behalten21). Eine furchtbare Tragik für einen Mann, der sonst gradlinig seine Bahn innehielt! 17) Vgl. Ritter, S. 60 ff. 18) Briet an Meier Eger in Glogau vom 18. Elul 5549 (September 1789) in Geigers ZGJD I, 1887, S. 258 f. ") S.42. 20) Erschien anonym, vgl. Ritter das. S. 140 ff. und über die Wirkung auf die Regierung L. Geiger, Geschichte der Juden in Berlin, II. 21) Oben S. 128. 133