Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- David Friedländer und seine Zeit
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 68 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Ernst Fraenkel. David Friedländer und seine Zeit Gegensatz zu vielen seiner Glaubensgenossen die deutsche Sprache beherrschte und sich noch im Alter gern Herder und Lessing vorlesen ließ, seine sieben Kinder so gut erziehen zu lassen, daß L. von Baczko in seinem 1787 erschienenen Buche die anerkennenden Worte fand: „der Kaufmann und Bankier Joachim Moses Friedländer hatte seinen Kindern eine so gute Erziehung angedeihen lassen, daß sie bei erlangter Selbständigkeit mit zu den gebildetsten Familien der Stadt gehörten"!*). Vergegenwärtigt man sich, daß das Bildungsideal der Juden in Deutschland bis zur Zeit Mendelssohns im allgemeinen sich in der Kenntnis des Hebräischen, der Bibel und des Talmuds erschöpfte15) und daneben höchstens noch ein sekundäres Interesse für Mathematik bestand, alles aber, was sonst den Kreis der Wissenschaft ausfüllt, unbeachtet blieb, daß sogar die „fremde Wissenschaft", d. h. jedes nicht dem Talmud gewidmete Studium verpönt war16), so wird einem klar, daß dieser Wille sich der allgemeinen Bildung der kulturellen Umwelt anzupassen und diese seinen Kindern zu vermitteln, zu einer Sonderstellung Moses Friedländers führen mußte. Aber trotz dieser Beschäftigung mit der „humanen" Bildung war das Friedländersche Haus von streng jüdischem Geist erfüllt, und sorgfältig wurden die Zeremonialgesetze beachtet17). Mit tiefer Dankbarkeit hat David Friedländer später — in einer Krisis seiner inneren Beziehung zum Judentum — dieser seiner Erziehung im Elternhaus gedacht: „Wir können nicht anders als die Wirkung segnen, welche die frühere väterliche Erziehung in späteren Jahren auf uns gehabt hat"18). In Königsberg beginnt damals bereits etwas von jenem freiheitlichen, von Humanitätsgedanken erfüllten Geist zu wehen, der einige Jahrzehnte später so befruchtend auf die preußischen Reformen wirken wird. Es ist die Zeit, da zwischen Immanuel Kant und Moses Mendelssohn die Gemeinsamkeit des Denkens bereits ein Verhältnis herzlicher Zuneigung gestiftet hatte und da sich unter den Jüngern Kants bereits zahlreiche Angehörige der jüdischen Gemeinschaft befanden. Als Kant — nach fünfzehnjähriger Privatdozentur — 1770 zum ordentlichen Professor der Philosophie in Königsberg ernannt wird, wählt er den 23jährigen Marcus Herz, seinen Lieblingsschüler, ungeachtet des lauten Widerspruchs einiger Mitglieder des akademischen Senats, zum Respondenten bei seiner Prot. Inaugural Dissertation „De mundi sensibilis forma et principiis"19). Die Unterstützung von Mitgliedern der Familie Friedländer war es gewesen, die es dem Berliner armen Judenjungen Marcus Herz, der bei einem Königsberger Kaufmann seine Lehre durchmachen sollte, ermöglichte, seinem Wissensdrange folgend, Medizin und Philosophie zu studieren, sodaß er bald durch seine schriftstellerischen Arbeiten die Aufmerksamkeit der gelehrten Welt auf sich zog und geistig außerordentlich befruchtend auf seine Königsberger Glaubensgenossen wirkte20). Einer von denen, die ergriffen waren von dem Geist einer neu anbrechenden Epoche, der heraus wollte aus der zeitbedingten Enge der ihn umgebenden Anschauungen, in dem ein tiefes Bildungsstreben, keine 14) L.v.Batzko, Versuch einer Geschichte und Beschreibung von Königsberg 1787, S. 458. Verf. rühmt darin auch „die wertvollen Bücher und Kupferstichsammlungen mit kostbaren Werken über Geschichte, Reisebeschreibungen, schönen Wissenschaften in deutscher, englischer und französischer Sprache sowie seltene hebräische Werke, deren Besitzer, die Brüder David Friedländers, Bernhard, Meyer und Wulf Friedländer, die Benutzung ihrer Kunstschätze jedem Mitbürger aufs zuvorkommendste gewährten". Jolowicz a.a.O., S.91—93. 15) Friedländer, Sendschreiben an den Probst Teller, S. 3. 16) Güdemann, Quellen zur Geschichte des Unterrichts usw., S. XXV ff. 17) Sendschreiben, S. 1. 1S) Sendschreiben, S. 14. ») Über das Verhältnis Kants zu Mendelssohn vgl. J. Guttmann, Kant und das Judentum. 20) Jolowicz a.a.O., S. 92. 68