Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 1
- Article
- Die Namengebung der westfälischen Lanjudenschaft von 1808
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 49 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2259275-2259303-2259305-2262117--4417-2262199- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Gustav Samuel. Die Namengebung der westfälischen Landjudenschaft von 1808 berg", „Amtsrat Gutmann". Namen von derartiger Klangfülle müssen tun die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert offenbar sehr beliebt gewesen sein' und dem Geschmack der Zeit entsprochen haben, sonst würden die Herrscher sich ihrer nicht bedient haben, wenn sie Bürgerliche — darunter auch Juden — in den Adelsstand zu erheben hatten. Wie denn überhaupt die deutsche Belletristik um 1800 Namen bevorzugte, die mit Blumen, Sternen, Gold und Silber zusammengesetzt waren. Kein Wunder also, daß auf der Suche nach neuen Namen vieJe Juden als gelehrige Schüler des „Mendelssohn-Deutsch", beseligt vom Geschenk der Emanzipation und mitgerissen vom Strudel der Romantik, gleichfalls zu jenen blühenden und duftenden, glitzernden und funkelnden Namen oder Wortschöpfungen griffen; zu Namen, die gar nichts für den Geschmack der Juden, aber alles für den ihrer Entstehungszeit besagen, jener durch Goethe und Schiller hervorgezauberten, wundervoll schwärmerischen poetischen Atmosphäre.3) Hand Werksbezeichnungen als neue Familiennamen der Juden sind für Westfalen fast überhaupt nicht zu verzeichnen, da Juden kein Handwerk ausüben durften. Nur hie und da findet sich als neuer Name ein Schuster registriert (in Lügde) oder ein Rothgießer (in Holzminden). Wohl wurde in einer ganzen Anzahl von Landorten (z. B. in Eldagsen, Delligsen, Albaxen, Herstelle, Nesselröden) der Name Goldschmidt angenommen, jedoch ohne daß die Betreffenden das Goldschmiedehandwerk betrieben hätten. Dieser — unter den deutschen Juden verbreitetste — Handwerkername weist nach der Judengasse von Frankfurt a. M., wo er bereits um 1500 zum festen, erblichen Geschlechtsnamen einer mitgliederreichen, angesehenen Lewiteni-Familie geworden war, deren jüdisches Blut seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts (durch die Töchter und Enkeltöchter von Salomon Benedikt Goldschmidt) auch in nicht wenigen europäischen Adelsgeschlechtern fließt. Neben „Rothschild" war „Goldschmidt" um 1800 der populärste Name der Frankfurter Gemeinde, und da diese das geistige Zentrum der westeuropäischen Judenheit war, so wurden die Namen Rothschild und Goldschmidt beim Vollzug der Namensgesetze der Emanzipationszeit auch von solchen Dorf- und Kleinstadtjuden Westdeutschlands angenommen, die mit jenen wirklichen Frankfurter Familien Rothschild und Goldschmidt weder verwandt waren noch sonst in Beziehungen standen; der Name Goldschmidt jedoch nur von Lewiten-Familien, weil die „echten" Frankfurter Goldschmidts Lewijim sind. Eine zweite empfindliche Tücke bot das Gesetz durch das Verbot, Ortsnamen des Königreiches als neue Zunamen zu erwählen; sind doch gerade Herkunftsbezeichnungen ein typisches Merkmal der Familiennamen der Juden aller Länder. Denn neben starkem Familiensinn war eine große Anhänglichkeit an die Heimat von jeher eine charakteristische Eigenschaft der Juden. Die Erinnerung an die Länder und Orte, wo sie einst zu Hause gewesen waren, haftet noch Jahrhunderte in ihren Namen. So hatten sich die wenigen bekannten Ortsnamen aus Westfalen wie Unna, Warburg, Höxter (= jüdisch-deutsch Heckscher), Hildesheimer, Halberstädter, Bieichröder schon vor der Franzosenzeit außerhalb Westfalens zu festen, erblichen Geschlechtsnamen entwickelt. Auch das Gesetz von 1808 vermochte die Vorliebe für und das Festhalten am Herkunftsnamen nicht zu unterdrücken. Da wurden einfach abgewandelt: Soest zuSostheim, Sostberg, Paderborn zu Paderstein, Northeim zu Nordmann, Schüren zu Schürmann, Steinheim zu Steinfeld, Bellersen zu Bellerstein, Spangenberg zu Spangenthal, Ilfeld zu IIberg, Bevern zu Bev erst ein, Wallensen zu Wallhausen, Breuna zu Braunsberg, Abterode zu Abt, Körbeke zu Körbchen. Viele westfälische Landjuden endlich bedienten sich, um trotz des Verbotes den Stammort im neuen Namen zu verewigen!, eines Mittels, das sonst bei der Durchführung der entsprechenden Verordnungen nicht seinesgleichen hat: sie erkoren als neue Familiennamen die für die allernächste Umgebung der Landorte geltenden Flur- und Gemarkungsbezeichnungen, die nächsten Berge, Täler, Wälder, auch die Straßen, an denen die Stammhäuser lagen. So wur<- den u. a. angenommen die Namen4) 3) Vgl. Samuel, Zur Entstehung deutscher Judennamen (in: Jüdische Familienforschung, Heft 34). *) Die mit * bezeichneten fünf ersten Namenträger waren Brüder, die mit ** bezeichneten vier ersten Namenträger waren Brüder. 49