Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 1
- Article
- Die Namengebung der westfälischen Lanjudenschaft von 1808
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 48 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2259275-2259303-2259305-2262117--4416-2262198- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Gustav Sarauel. Die Namengebung der westfälischen Landjudenschaft von 1808 Eigentümlichkeit wie der altererbten, angestammten hebräischen Namen zu sein. Und weil die Namensedikte Frankreichs und Westfalens ausdrücklich verboten, als neue Zunamen „solche aus dem Alten Testament" anzunehmen, und weil ferner die unter napoleonischem Machteinfluß stehenden Rheinr bundstaaten sich dieses Verbot — wenn auch nicht de jure, so doch de facto — zu eigen machten, ist füglich anzunehmen, daß die Absicht verfolgt wurde, die hebräischen Wörter aus der Namenwelt auszumerzen.1) Jedenfalls muß den Staatshäuptern außerordentlich viel an der prompten Durchführung der Namensgesetze gelegen gewesen sein. Ein Dekret der Regierung König Jerömes von 1810 (Ergänzung zum Gesetz von 1808) bestimmte, daß „diejenigen westphälischen Bürger, so der mosaischen Religion zugethan sind, in der Synagoge beim Aufrufen zur Thoravorlesung mit den neuen Familiennamen benannt werden sollen; diejenigen, welche noch keine Familiennamen angenommen haben, werden nicht aufgerufen." In Frankreich gar fügte Napoleon dem Dekret vom 20. Juli 1808 eigenhändig die Bestimmung hinzu, daß die Nichterfüllung der verlangten" Formalität mit Landesverweisung zu bestrafen sei.2) Wie reagierten die westfälischen Juden auf das Gesetz? Das Verbot der Annahme von alttestamentlichen Namen Heß als Ausnahme zu, daß diejenigen Juden, die bekannte Vor- und Nachnamen führten, die sie immer getragen hatten, solche auch weiterführen dürften, so daß sich eine willkommene Möglichkeit bot, das Gesetz zu umgehen, d. h. beim alten Namen zu bleiben. Das machten sich besonders die Träger des Namens „L e w i" zunutze, weil sie sich für den vornehmsten jüdischen Stamm halten. Aus allen Teilen des deutschen Sprachkreises hegen zahlreiche Beispiele vor, daß die Lewijim mit Vorliebe solche neuen Namen wählten, die den gleichen Anfangsbuchstaben „L" aufwiesen, um so wenigstens ein wichtiges Teil des Symbols ihrer Zugehörigkeit zu diesem einzigartigen alten jüdischen Abkunftsadel in den neuen Namen hinüberzuretten. An der Oberweser z. B. wurde aus Lewi in Driburg L e v i d e , in Ovenhausen L e w o , in Pömbsen Lehmann, in Beverungen Löwensohn (nach Abzug der Franzosen wieder Levysohn!), in Hannoversch-Münden Löwenthal, in Lauenförde Löwenherz. Die Kohanim bevorzugten meist den Namen Katz, die Abbreviatur p*3 „kohen zedek" (= „Priester der Gerechtigkeit"), die in der Regel bei Unterschriften dem hebräischen Namen hinzugefügt wurde. Oder die verlangte Eindeutschung der hebräischen Namen wurde mittels Anfügung einer Endsilbe vorgenommen. So z. B. wurde der Name Meyer (hebr. meir „leuchtend") weitergebildet in Banteln zu Meyerstein, in Beverungen zu Meyerbach und Meyerfeld, in Herstelle zu Meyerhoff. Auch wurden die beiden bisherigen hebräischen Namen zu einem neuen „unjüdischen" verschmolzen, so in Nörten Benedikt Feybisch zu Benfay (Vater des bekannten Orientalisten), in Hannoversch-Münden Samuel Salomon zu E11 o n , H einemann S a 1 o mon zu H a h 1 o. Waren schon Namen aus dem Alten Testament verboten, so doch nicht markante Gegenstände, geflügelte Worte, Also wurden zu neuen Familiennamen in Herlinghausen „gan eden" (1.Mos. 2,15) zu Paradies, in "Boffzen „ez hachajim" (1.Mos. 2,9) zu Lebenbaum, in Gehrden „ben haadam" (l.Mos. 11,4) zu Erdensohn, in Lauenförde „rosch pinah" (Ps. 118,23) zu Eckstein, in Amelunxen „azej gofer" (1.Mos. 6,14) zu Archenholz, später geändert in Archenhold (Vater des bekannten Astronomen und langjährigen Leiters der Treptower Sternwarte). Wer nicht zur Bibel griff, nahm die deutschen Romantiker zu Hilfe. Alle die um 1800 viel gelesenen Romane ergaben in ihren Titeln und Helden neue Juden* namen wie „Adelheid von Rosenberg", „Rosalie von Feldheim", „Fräulein von Sternfeld", „Geschichte des Fräuleins von Sternheim", „Julchen Grünthal", „Geschichte des Herrn von Morgenthau"; oder Bühnenfiguren wie „Geheimrat von Stern- J) Für Baden z. B. wird dies in eingehender Weise nachgewiesen in der Dissertation von Dreifuß, Die Familiennamen der Juden unter besonderer Berücksichtigung der Verhältnisse in Baden zu Anfang des 19. Jahrhunderts, Frankfurt a. M. 1928; für beide Mecklenburg bei Silberstein, Die Familiennamen der Juden unter besonderer Berücksichtigung der gesetzlichen Festlegung in Mecklenburg, Berlin 1929. 2) Vgl. Anchel, „Napoleon et les Juifs", Paris 1928, p. 443. 48