Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 1
- Article
- Zum Gedächtnis
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 1 (sequence 1)
- Language
- German
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Zum Gedächtnis Bernhard Wachstein / Adolf Eckstein Am 15. Januar 1935 verstarb plötzlich in Wien Bernhard Wachstein, dessen Name in der Reihe der Mitwirkenden und Mitarbeiter unsere Zeitschrift ziert. Sein Tod bedeutet einen schweren Verlust für die jüdische Geschichtsforschung. Wachstein besaß ein umfassendes Wissen. Er war auf den Gebieten der Philosophie, der Theologie, der Bibliographie, der Völkerkunde ebenso bewandert wie auf den Spezialgebieten der allgemeinen und jüdischen Geschichte. Die beiden Eigenschaften, die den Historiker ausmachen, tiefgehender Spürsinn und intuitive Kombinationsgabe, vereinigten sich bei ihm mit strenger Sachlichkeit und Wahrhaftigkeit. Er liebte kein Blendwerk, bloße Vermutungen hielt er fern; alles, was er'schrieb, trägt den Stempel unbedingter Gewissenhaftigkeit und Zuverlässigkeit und wahrt auch in der Form Vornehmheit und Würde. Diese spezielle wissenschaftliche Gediegenheit ist umso erstaunlicher, als er — 1868 in der kleinen Stadt Tluste in Ostgalizien geboren — bis zu seinem 16. Lebensjahre ausschließlich in galizischen Talmudschulen aufwuchs und erst dann aus dem engen Kreis der Bibel, des Talmuds und des Chassidismus in die Welt der allgemeinen Bildung und Kultur eintrat. Aus eigener Kraft heraus schuf er sich die Grundlagen zu dieser andersartigen Welt, so daß er ein Gymnasium absolvieren und die Universität und die Theologische Lehranstalt zu Wien besuchen konnte. Jodl, Miliner und D. H. Müller anerkannten seine Fähigkeiten und förderten ihn; er gewann ein Staatsstipendium und doktorierte mit einer ausgezeichneten Arbeit über die Leibnizschen Monaden. 1903 trat er in den Dienst der Bibliothek der Wiener Kultusgemeinde ein und wurde 1919 deren Direktor. Dank seinem unermüdlichen organisatorischen Eifer und dank dem von der Kultusverwaltung seinem beruflichen und wissenschaftlichen Schaffen entgegengebrachten Verständnis konnte er die Wiener Gemeindebibliothek in mustergültiger Weise ausbauen und zugleich als Leiter der historischen Kommission eine Reihe hervorragender wissenschaftlicher Veröffentlichungen herausbringen. Gelegentlich seines 30jährigen Dienstjubiläums 1933 ließ der Vorstand der Wiener Gemeinde eine Bibliographie seiner Schriften durch Saul Chajes zusammenstellen, die 146 Nummern umfaßte. Bereits die 1911 von Wachstein und Alfred Landau gemeinsam edierten „Jüdischen Privatbriefe aus dem Jahre 1619" gaben ein Bild seiner für die jüdische Geschichte wie für die jüdische Volkskunde gleich bedeutsamen Arbeitsmethode. Das Standardwerk bildeten dann die beiden Bände der „Inschriften des alten Judenfriedhofes in Wien", ein Werk, das auf lange hinaus ein unerreichbares Vorbild bleiben wird, nach Inhalt und Form i 1