Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 4
- Article
- Eine jüdische Novelle von Grimmelshausen
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 241 (sequence 5)
- Language
- German
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Fritz Aronstein. Eine jüdische Novelle von Grimmelshausen ein gebohrner Jud und getauffter widergebohrner Christ“. Die Anklänge an Gerson sind oft sehr stark. Ueber das Messianische Reich wird ausführlich gesprochen und selbst die Mahlzeit, bei der der Moschiach „bey Antrettung seines Reichs alle Juden zu Gast halten“ wird, ist beschrieben. Es soll hier nicht auf alle Einzelheiten der Novelle eingegangen, sondern nur auf einige Punkte hingewiesen werden. Grimmelshausen zitiert einmal hebräische Bibelworte: „Oeni Adonai Bocitto Ochysche, das ist: Das will ich (spricht der HErr) machen in einer eylenden Zeit“14). Um die Juden irre zu führen, bläst der Kaufmann durch ein „Blass-Rohr“15) kleine zurechtgemachte Zettel in die Juden-Schul, auf die er obigen Vers mit hebräischen Buchstaben geschrieben hatte. Die Freude, die nun bei den Juden herrscht, wie sie überall die Zettel verteilen und in der Welt herumschicken, ist ungeheuer. Hier spielt sicher die Erzählung über Sabbatai Zewi eine Rolle. Das Theatrum Europaeum zitiert „ein kurtzes Bericht-Schreiben aus Smima von einem guten Freund unter den daselbst wohnhaften christlichen Kauffleuten der Holländischen Nation an einen andern guten Freund in Amsterdam“ und spricht von „unterschiedlichen Berichten von dieser sehr denckwürdigen Jüdischen Schwärmerey.“ Die weiteren Vorbereitungen erinnern an Caesarius, besonders wie der Kaufmann des Nachts als Erzengel Uriel an das Bett des Eliezer tritt und ihm die Geburt des Messias verheißt. Die Vorbereitungen für die Empfängnis werden getroffen, Esther geschmückt und alles aufs Prächtigste gerichtet. Nach biblischem Vorbild nimmt der Kaufmann „ein rauhes haarigs Kleid / samt einem ledernen Gürtel“ und geht zu Esther. Am Morgen verabschiedet er sich von ihr mit dem Grunde, „daß ich nothwendig denselben Tag bey etlichen Beschneidungen gegenwärtig seyn müßte“. Der Jubel der Juden wuchs, und selbst, als ein Mädchen geboren wurde, gab man noch nicht alle Hoffnung auf und meinte, das könne absichtlich so sein, damit die Christen den Messias nicht sähen! An einer Stelle wird der Name Sabbatai Zewi selbst erwähnt. Um Erasmus „auff einen andern Laun zu bringen, fienge ich einsmals an, mit ihm von ihrem falschen Messiä Sabatai Sevi und seinem Propheten Nathan, welche sich Anno 1666 hervor gethan, zu sprachen“. Der Schluß der Novelle bringt eine Lösung, die nicht weiter interessiert Viele jüdische Motive hat Grimmelshausen in dieser kurzen Erzählung verarbeitet; die Schilderung verrät die Meisterhand des Verfassers des Simplicius Simplicissimus. Es fehlt nicht an derben Stellen, wie man sie von ihm gewohnt ist. „Zuweilen finden wir uns in den Grobianismus und die unsauberen Schwänke des 16. Jahrhunderts zurückversetzt“, sagt Scherer. Aber er weiß auch fein zu malen und sinnvoll zu schildern. Die jüdischen Gebräuche und die Bewegungen der Zeit kannte er wohl mehr aus der Literatur als aus Erzählungen und eigener Anschauung. Aber wo er sie schildert, ist er lebendig und wahrheitsnah. Wir dürfen die Novelle, deren genauere Bearbeitung sich lohnte, als einen Beitrag zur jüdischen Kulturgeschichte betrachten, der um so interessanter ist, als er von dem größten deutschen Romanschriftsteller vor Goethe stammt. (es. 60, 22. >as Rohr-Motiv fanden wir schon bei Caesarius und Folz. 241