Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 4
- Article
- Wer war der Orientalist Mithridates?
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 230 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Wer war der Orientalist Mithridates? Von Umberto Cassuto Die zweifellos etwas sonderbare Gestalt dieses Mannes, der in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts in mehreren Ländern eine weitreichende Tätigkeit als Lehrer des Hebräischen, Aramäischen und Arabischen entwickelte und sich auch als ein in den genannten wie in verschiedenen anderen Sprachen gut bewanderter Uebersetzer betätigte, ist immer rätselhaft erschienen. Vielleicht ist die Ursache dafür in der Verschiedenheit der Namen zu suchen, die er nacheinander annahm, und in dem Wechsel der Orte, an denen er lebte und wirkte, um dann wieder zu verschwinden und anderswo unter anderem Namen aufzutauchen. In Rom, wo er lange lebte, geistliche Ämter bekleidete und an der Universität lehrte, gelang es den Gelehrten etwa neunzig Jahre nach seinem Fortgang nicht mehr, Auskünfte über ihn zu erhalten, vielleicht weil sie ihn unter einem Namen suchten, der nicht mit dem übereinstimmte, unter dem er zu seiner Zeit in Rom bekannt gewesen war. Aus dem gleichen Anlaß haben die modernen Gelehrten, die sich mit ihm beschäftigten, Nachrichten nur über einen oder mehrere Abschnitte seines Lebens erhalten können. Ihnen allen ist jedoch die Identifizierung seiner sämtlichen Erscheinungen entgangen, so auch Steinschneider, dem sonst so leicht nichts entging. Deshalb fühlt sich der Verfasser dieser Zeilen in bester Gesellschaft, wenn er sich zu den Vorhergenannten hinzurechnet. Auch heute noch ist trotz der vielen Veröffentlichungen über M i t h r i - dates seine Persönlichkeit noch nicht ganz geklärt. Der Versuch, sie klarer und deutlicher vor Augen zu führen, ist der Zweck dieser Studie. Freilich war er alles in allem eine wenig sympathische Persönlichkeit; jedoch kann man ihm das Verdienst nicht absprechen, mit seiner Lehrtätigkeit und mit seinen Übersetzungen vielfach dazu beigetragen zu haben, die Kenntnis der orientalischen und besonders der hebräischen Literatur zu verbreiten. Eingedenk dieser guten Seite seiner Tätigkeit sei es mir gestattet, diese auf ihn als auf einen Mann, der von Italien nach Deutschland zog, um dort die hebräische Sprache und Literatur zu lehren, bezügliche Studie meinem lieben, hochverehrten Lehrer zu widmen, einem Mann, der umgekehrt in seiner Jugend aus Deutschland nach Italien kam, um hier dieselben Disziplinen zu lehren, wobei ich, noch ein Knabe, das Glück haben durfte, mich zu seinen Schülern zu rechnen. Daß der geheimnisvolle Flavius Mithridates, von dem wir zahlreiche lateinische Übersetzungen kabbalistischer Werke und verschiedene Übersetzungen anderer Werke aus dem Hebräischen und dem Arabischen besitzen, und der Beziehungen zu Giovanni Pico della Mi- 230