Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Juden in der Handelspolitik Friedrich Wilhelms I. von Preußen
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 215 (sequence 9)
- Language
- German
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Selma Stem-Täublcr. Die Juden in der Handelspolitik Friedrich Wilhelms I. von Preußen in Rügenwalde verlegte ein Gottschalk Wolf die Wollmanufakturisten mit Wolle and Geld, in Stargard versorgte Salomon Arndt die dortigen Perückenmacher mit Haaren, in der gleichen Stadt lieferten zwei andere Juden dem dortigen Zuchthaus zur Verarbeitung von Rasche gute, reine und feine Wolle. Die Tuchmacher von Damm erklärten, David Levin und sein Sohn hätten sie jederzeit mit guter und unverfälschter Wolle versehen und ihnen, wenn sie nicht zahlen konnten, nicht allein jedes Mal Kredit gegeben und mit der Zahlung geduldig gewartet, sondern auch ihre Tücher zu dem höchsten Preis angenommen. Er habe ihnen außerdem mit barem Geld geholfen, damit sie die schuldigen Pachtsummen und anderes zahlen und die nötigen Farbwaren kaufen konnten. Verschiedene Wollfabrikanten seien durch ihn zu Brot gekommen, viele seien auch angelockt worden, sich als Meister in der Stadt anzusetzen. Wenn ihm der Aufkauf der Wolle untersagt werde, sei niemand mehr da, der den Verlag und den Vorschuß übernehme. In Ostpreußen erhielten die beiden Danziger Juden Joachim Isaac und Abraham Isaac unter der Bedingung ein Privileg, daß sie die Wollarbeiter in den sieben preußischen Städten Liebemuhl, Liebstadt, Mohrungen, Mühlhausen, Osterode, Saalfeld, Preußisch-Holland auf eigene Kosten mit genügend guter Wolle verlegten, ihnen alle Tücher abnähmen und färben ließen, sie innerhalb und außerhalb des Landes vertrieben und den Tuchmachern die gelieferten Tücher zu billigem Preis bezahlten. Ein gewisser Levin Ilten und dessen Schwager Koppel Fränkel erhielten die Erlaubnis, sich auf den Freiheiten in Königsberg niederzulassen, Waren zu verkaufen und zu vertauschen und im Lande und auf den Jahrmärkten herumzufahren, weil sie sich anheischig gemacht hatten, die in der Manufaktur des Waisenhauses zu Königsberg fabrizierten Waren zu vertreiben. Im Jahre 1732 verordnete der König ganz allgemein, daß allen Juden, die sich anbieten würden, etwa acht Wollweber- oder Zeugmacherstühle in den preußischen Städten in Verlag zu nehmen, Schutzpatente erteilt werden sollten, weil sich keine christlichen Kaufleute fänden, die den Verlag der preußischen Wollmanufakturen übernähmen. Es würde an dieser Stelle zu weit führen, die Handelspolitik Friedrich Wilhelms I. in den übrigen preußischen Provinzen zu schildern, in denen der jüdische Handel, wie in Magdeburg und Halberstadt, im Interesse der Hugenotten unterdrückt oder, wie in Minden und Ravensberg, zugunsten der Leinenindustrie gefördert und geschützt wurde. Ebenso ist es hier nicht mehr möglich, die Industrialisierungspolitik des Königs zu verfolgen, unter dessen Schutz damals die ersten großen jüdischen Seiden- und Samt-, Tabak- und Band-, Litzen- und Leder-, Tuch- und Strumpffabriken entstanden sind. Denn wie sich die ganze Wirtschaftspolitik des Herrschers darauf einstellte, die alten bodenständigen Manufakturen zu erweitern, mit Hilfe ausländischer Unternehmer und Arbeiter neue Betriebe zu organisieren, durch Konzessionen und Versprechungen, Monopolisierung und Privilegierung geschickte Fabrikanten und Meister ins Land zu locken, so versuchte man auch, den an Zünfte und Korporationen nicht gebundenen Juden dem neuen Gewerbe zu gewinnen. Unter der Regierung Friedrich Wilhelms I. hat die preußische Industrie ihre erste Blüte erlebt; und neben den Hugenotten waren es vornehmlich die Juden, die sie zur Entwicklung gebracht haben. 215