Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Beziehungen zwischen der Wormser und der Mannheimer Judenschaft
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 192 (sequence 1)
- Language
- German
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Beziehungen zwischen der Wormser und der Mannheimer Judenschaft Von B. Rosenthal Je reicher sich im Bannkreise der „Ehrsamen Schul zue Wormbs“ jüdisches Leben eigener Prägung entwickelte, um so stärker strahlten von ihr Kräfte aus, die die Judenschaft der näheren und fernen Gebiete anzogen. Nachdem die übrigen rheinischen Schwestergemeinden im 14. und 15. Jahrhundert entweder ganz verschwunden waren oder ihre vormalige Bedeutung eingebüßt hatten, bildete Worms neben Frankfurt lange Zeit den Kern der Judenschaft des deutschen Westens. Dieser Vorrang konnte nicht zuletzt jahrhundertelang dadurch behauptet werden, daß der Wormser Bevölkerungsüberschuß, der in der engen Judengasse keinen Lebensraum finden konnte, an die Umgebung abgegeben wurde. Hierzu gesellten sich noch zwei weitere Umstände, die diese Vormachtstellung, namentlich im südwestlichen Deutschland, förderten und stutzten: der Friedhof und das Rabbinat Es war nicht allein der Mangel an Begräbnisstätten, der die kurpfälzischen, kurmainzischen, bischöflich wormsischen und speyerischen sowie die gräflich leiningenschen, nassauischen u. a. Juden zur Benutzung des alten „guten Orts“ in Worms veranlaßte. Auch nachdem in diesen Hoheitsgebieten Judenfriedhöfe angelegt werden durften, brachte man, ungeachtet aller Beschwernisse, von weit her noch die Toten nach Worms, um sie an der gleichen Stelle zu betten, wo die Vorfahren seit Jahrhunderten ihre ewige Ruhe gefunden hatten. In gleicher Weise wollten die Lebenden ihre Verbundenheit mit der Muttergemeinde dadurch zum Ausdruck bringen, daß sie sich auch nach der Loslösung von ihr nach ihrem Minhag richteten und ihr Rabbinat auch weiterhin als oberste religiöse und richterliche Autorität anerkannten. So entwickelte sich für das Wormser Rabbinat ein von den Regierungen anerkanntes Privileg, das sich bis ins 18. Jahrhundert erhalten konnte. Diese Hinneigung zu Worms ist im jetzigen badischen Lande für einstmals kurpfälzische, bischöflich speyerische und ritterschaftliche Gebiete festzustellen. Im mittleren und südlichen Baden hingegen behielt die Judenschaft, die größtenteils aus elsässischen Orten herbeigekommen war, den Minhag des Herkunftslandes bei und betraute elsässische Rabbiner mit der Entscheidung religiöser und zivilrechtlicher Fragen. Für die kaum 300Jahre zählende Mannheimer Judengemeinde war es naturgegeben, daß sie sich anfänglich an Worms anlehnte. Nicht allein, weil viele der ersten Ansiedler schon vorher Beziehungen zu Worms hatten, sondern sie suchten auch aus nachbarlichen Er- 192