Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Aus dem Leben der alten Judengemeinde zu Worms
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 181 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2259275-2259298-2259301-2261878--237-2262001- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Isaak Holzer. Aus dem Leben der alten Judengemeinde zu Worms diesem und seiner Frau die Botschaft zu überbringen und Masaltow auszusprechen. Hierfür hat er eine Gebühr von einem Goldgulden zu beanspruchen. Der neue Pamess hat sich sofort in die Gemeindestube zu begeben, um die Glückwünsche seiner Amtsgenossen persönlich entgegenzunehmen. Ist der Bischof mit der Wahl einverstanden und bereit, sie zu bestätigen, so lädt er oder sein Stellvertreter den Gemeindevorstand auf eine bestimmte Vormittagstunde in den Bischofspalast zu sich. Sie versammeln sich im Vorhofe. Der Neugewählte hat im festlichen Gewände, mit weißem Hemd und weißem Kragen bekleidet, Kopf- und Barthaar geschnitten und frisiert, zu erscheinen. Der Bischof läßt die bereits im Amte befindlichen Parnassim zu sich in den Palast bitten, um sie über die Persönlichkeit, die Familienzugehörigkeit und Eignung des neuen Pamess zu befragen. Denn die Mitglieder der drei Familien Kueheim, Walch und Drysam sind, aus heute unbekannten Gründen, nicht wählbar. Dann läßt er sie wieder auf den Vorhof hinausgehen und hier mit dem neuen Kandidaten in einem Kreise sich aufstellen. Der bischöfliche Vogt tritt in die Mitte des Kreises, vor ihm ein lateinisches Buch, neben ihm der Schammes mit einem aufgeschlagenen Pentateuch. Der Neugewählte legt seine Hand auf das Zehngebot. Der Vogt spricht den Eid, aus seinem Buch lesend, vor, der neue Pamess spricht ihn Wort für Wort nach. Die Parnassim müssen während dieser Handlung ihre Kopfbedeckung aufsetzen. Der Akt spielt sich vor versammeltem Volk ab; denn er ist öffentlich. Das Schauspiel hat eine große Menge Neugieriger angezogen. Durch die Eidesleistung ist der Gewählte in sein Amt eingesetzt, nachdem er zuvor die vorgeschriebene Gebühr an den Bischof entrichtet hat. Die feierliche Installierung schließt mit einem Festmahl, das der neue Pamess der Gemeinde zu geben hat. Den Parnassim eignen weitgehende Rechte und Pflichten. Korporativ entscheiden sie in einigen Fragen der Rechtsprechung, so in Streitfällen, in denen es sich um Häuser und Liegenschaften handelt, wenn sie es nicht vorziehen, auch diese den gelehrten Richtern zu unterbreiten. In anderen haben sie dem zuständigen Gericht Hilfsdienste zu leisten, etwa den Rechtsverweigerer durch öffentliche Anprangerung zum Erscheinen vor seinem Richter zu zwingen. Je einen Monat im Jahre liegt die Aufsicht über alle Finanz- und Verwaltungsgeschäfte der Gemeinde in der Hand eines von ihnen, des sog. Monatspameß. Die üblichen Obliegenheiten erledigt er nach eigener Entscheidung gemäß Vorschrift und Brauch. Bei nicht alltäglichen Vorkommnissen hat er seine Kollegen zu einer Beratung einzuberufen. Ihr sofortiges Erscheinen kann er durch Strafandrohung erzwingen. Den Vorsitz führt der Rabbiner, in seiner Abwesenheit der Judenbischof als Dienst- und Rangältester. Der Judenbischof hat zwei Stimmen. Den durch Stimmenmehrheit gefaßten Beschluß hat der Monatspameß ohne Säumen zur Ausführung zu bringen. Dem Monatspameß steht es frei, an Sabbaten und Feiertagen neben den Toravorleser zu treten und die zur Tora Aufzuruf enden zu bestimmen, wofür er allerdings drei Albus für Wohlfahrtszwecke entrichten muß. Wird dieses Ehrenrecht jedoch von ihm nicht in Anspruch genommen und von einem Teilnehmer am Gottesdienst ersteigert, dann hat es dieser dem Monatspameß ehrenhalber zu übertragen. Ist der Monatspameß an der Ausübung des Amtes verhindert, so vertritt ihn der Parneß des vergangenen Monats. Diese kurzen Auszüge mögen genügen, um zu zeigen, wieviel wertvolles Material wir dem „Minhagbuch“ Juspas zu verdanken haben und wieviel aus ihm zur Erhellung und Bereicherung unserer Kenntnis vom inneren Leben unserer Vorfahren im alten Worms, insbesondere in sittengeschichtlicher Beziehung, noch zu gewinnen wäre. Mit großer Liebe hat der bescheidene, vielseitig unterrichtete und interessierte Mann an seiner zweiten Heimat gehangen, mit einem Herzen voller Liebe sich in alles vertieft, was Leben und Schicksal, Werden und Sein seiner Heimatgemeinde betraf. Aber die Liebe hat seine Augen nicht geblendet, seinen Sinn und sein Streben nach Wahrheit nicht geschwächt, eher noch geschärft und vertieft. Am Tage, an dem der großen Söhne des alten Worms in Dankbarkeit und Verehrung gedacht wird, seien auch dem bescheidenen Manne Dank und Anerkennung gezollt! 181