Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Aus den Anfängen der Synagoge in Worms
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 156 (sequence 5)
- Language
- German
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Ismar Elbogen. Aus den Anfängen der Synagoge in Worms sich der Wormser Isaak mit dem Mainzer in Uebereinstimmung14). Beachtenswert ist, daß auch Meir b. Isaak verschiedene Neuerungen im Gebet zugeschrieben werden, die mit Bibelstellen Zusammenhängen15). Andere umstrittene Fragen betrafen die Vorlesung von Tora und Propheten. Isaak Halevi hatte sein eigenes System, die Schriftverse für die Verteilung bei der Toravorlesung an den Zwischentagen des Hüttenfestes zu bestimmen16). Am achten wollte er mit dem Abschnitt Deut. 14, 22 nur dann beginnen, wenn er auf den Sabbat fiel, sonst wie an andern Wallfahrtsfesten mit 15, 1917). Wenn zwei Toraabschnitte an einem Sabbat zusammen verlesen wurden, wählte er die Haftara nicht vom zweiten, sondern vom ersten Abschnitt18). Daß eine Hochzeitsfeier ein Fest der Gemeinde war, wurde schon erwähnt, der Bräutigam las am Sabbat seine besondere Haftara; wenn aber der Hochzeitssabbat mit einem der vier ausgezeichneten Sabbate im Frühjahr zusammenfiel, mußte der Bräutigam auf sein Recht verzichten19). War kein Kohen in der Synagoge, so pflegte man anderwärts an erster Stelle einen Levi aufzurufen; in Worms aber erklärte Rabbi Isaak Halevi in diesem Falle jedes Vorrecht für aufgehoben20). Es sind nur geringfügige Einzelheiten, die uns durch den Zufall überliefert sind; sie zeigen uns, daß damals vielfach noch Bewegung in der Synagoge herrschte und der Ritus nicht in allen Einzelheiten festgelegt war. Wieviel unter dem als „Minhag von Worms“ Ueberlieferten ihm angehört, ist schwer zu sagen. Eine dritte Gestalt aus den ersten Jahrzehnten der Wormser Synagoge ist Elieser b. Isaak mit dem Beinamen „der Große“. Auch er gilt als hervorragende rabbinische Autorität und gehört wahrscheinlich der Generation vor Isaak und Meir an. Er war wahrscheinlich ein begabter Prediger und suchte das Volk zu ermahnen. Was wir von ihm besitzen, ist eine Sammlung von Mahn- und Sittensprüchen unter dem Titel Orechot C'najim {Pfade des Lebens), ein Vademecum, das nach dem Vorbild des biblischen Spruchbuchs stets mit der Anrede „Mein Sohn“ beginnt und daher als „Testament R. Eliesers“ bekannt ist21). Das Sittenbuch besteht aus 64 Mahnungen, die äußerlich ganz formlos nebeneinander gereiht sind, inhaltlich aber in der Hauptsache eine logische Folge zeigen. Die erste Hälfte handelt von den religiösen und sozialen Pflichten, während die zweite mehr auf das persönliche Verhalten eingeht, sich da freilich in Einzelheiten verliert. Der Standpunkt ist überirdisch orientiert, das praktische Leben ist gar nicht berücksichtigt, der Verfasser ganz dem religiösen und sittlichen Ideal hingegeben. Bezeichnend ist die Vorliebe für Bücher, die Empfehlung des Studiums. Die Frömmigkeit ist im allgemeinen schlicht und einfach, schließt manchen Aberglauben nicht aus. Ohne weltfremde exzentrische Forderungen aufzustellen, enthält das Büchlein eine Anleitung zu einem Leben der Weihe und Heiligung im Dienste Gottes. Es steht in seiner bürgerlichen Nüchternheit weit zurück hinter dem heroischen Ideal, das 150 Jahre später ein anderer Wormser Rabbiner, Eleasar b. Jehuda, in seinem Rokeach22) aufgestellt hat. 14) Pardes, S. 223. 15) Zunz, Literaturgeschichte, S. 146. 16) Ma’aseh ha-Geonim, S. 41. Das., S. 39, § 51, muß es heißen R. Schemuel b. R. Jizchak Halevi. 17) Das., S. 41. 18) Das. 19) Schibbale Haleket, I, § 80. 20) Raschi zu Gittin, 59 b. 21) Zunz, Zur Geschichte, S. 124, 130 f.; Güdemann, Erziehungswesen, I, S. 120 ff. 22) Zunz. das. S. 131 ff.. Güdemann, S. 173 ff. 156