Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Die Synagoge zu Worms
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 97 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Richard Krautheimer. Die Synagoge zu Worms Frauensynagoge zeigt überm Gewölbe keinen Giebelansatz. So ausnehmend früh ist das Walmdach sonst nicht bekannt. Der nächste einigermaßen gesicherte Fall wäre das Dach von St. Sever in Erfurt, das gegen Ende des 14. (!) Jahrhunderts entstanden ist. Ueber die Erbauungszeit der Frauensynagoge kann kein Zweifel herrschen: eine Inschrift, früher an ihrer Nordwand angebracht (an der südlichen Wand der jetzigen Vorhalle also), deren Rest sich jetzt in dem kleinen Gemeindemuseum befindet, sagt deutlich, daß Rabbi Mei'r, der Sohn des Joel, aus der Familie Kohen, im Jahre 4973 (=1213) diesen Bau als Bethaus für Frauen errichtet habe. Damit ist über den Baubeginn zum wenigsten kein Zweifel möglich. Die Konsole neben dem Portal der Frauensynagoge steht denen der Männersynagoge sehr nahe, ebenso die rundbogigen Fenster der Ostwand denen im Norden der Männersynagoge. Die spitzbogigen in der Westmauer sind etwas später entstanden, sie bezeichnen die Rezeption des modernen gotischen Formenapparates. Zwischen sie und die der Ostwand schiebt sich das Portal in der Nordwand ein. Sein Profil setzt sich von den bisher genannten Profüen deutlich ab. Ging beim Portal der Männersynagoge wie bei den Fenstern die Absicht darauf aus, Teil für Teil gesondert zu geben, so gilt es hier, die Teile zu verschmelzen. Die Kapitellzone ist weggefallen, Wulste und Kehlen schwingen sich als ein Ganzes um die Rundung des Portals — die Wulste selbst verschmelzen mit den Kehlen — der Stift kann beim Zeichnen lange Strecken gleiten, ohne abzusetzen, im Gegensatz zu dem älteren Portal der Männersynagoge, wo Stück für Stück gezeichnet werden muß. War dort in der Anlage, im Aufbau — vom Formenapparat abgesehen — die hohe Romanik noch herrschend gewesen, so ist hier der Uebergang zur Spätromanik vollzogen. Die Wandlung, die hier am selben Baukomplex sichtbar ist, läßt sich auch sonst innerhalb der Wormser Architektur aufzeigen. Auf das Südportal des Domes, das Dienst auf Dienst zwischen die Vorsprünge des Portals stellt, mit gemeinsam durchlaufendem Sockel und Kämpfer sie vom Boden wie von den Archivolten absetzt, folgt das Nordportal im Chor von St. Andreas: ein Nachzügler, wo nur die Dienste noch mit Kapitellen sich gegen die Wulste der Archivolte sich absetzen, die Kehlen und Vorsprünge aber von unten nach oben durchlaufen. Am Südportal des gleichen Chors ist jedes hemmende Glied weggefallen. Hier setzt denn auch das gleiche Verschmelzen von Wülsten und Kehlen ein, das für das Portal der Frauensynagoge charakteristisch ist. Wie an den Portalen und Fenstern von St. Martin begleitet es das Auftreten der zweiten Ornamentengruppe, die im ersten Drittel des Jahrhunderts in Worms herrscht. Von hier aus wird die Stellung klar, die der Komplex der Synagoge innerhalb der Wormser Architektur einnimmt. Die Männersynagoge gehört der ersten Wormser Gruppe an — ihrem Ornament wie dem Aufbau der Teile nach — und durch ihr Datum 1175 sichert sie das Auftreten dieserGruppe für das späte 12. Jahrhundert. Die Frauensynagoge, mit dem Datum 1213, fügt sich der zweiten Bautengruppe ein und sichert so den Abstand, der zwischen das Auftreten beider Gruppen gelegt werden muß. Die Veränderungen, die mit diesem mittelalterlichen Bestand vor sich gehen, sind zum Teil schon angedeutet worden. Zuerst, vielleicht noch 97