Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 1
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 79 (sequence 2)
- Language
- German
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Bücherschau Deutschlands, die aus dem händlerischen Verlegersystem hervorgingen (Wuppertal, M.-Gladbach) in Händen von Kalvinisten sich befinden. Schließlich behandelt der Verf. u. a. noch die Tendenz zur Klassendifferenzierung. Sie zeigt sich auch beim Judentum. Der Verf. umgrenzt dabei aber seinen Begriff „Proletarier“ m. E. zu weit, indem er alle Lohnempfänger darunter faßt, und fügt damit statistische Gruppen zusammen, die nicht zueinander gehören. Ich glaube kaum, daß die gelernten jüdischen Arbeiter, die im Handwerk tätig sind, und ebensowenig die jüdischen Handelsangestellten „proletarische Existenzen“ sind. Ihnen ist der Uebergang zum Bürgertum' noch nicht unmöglich gemacht, außerdem werden sie vielfach recht bürgerlich empfinden und handeln. Da aber die genannten Kategorien ein Hauptkontingent des jüdischen „Proletariats“ stellen, halte ich die Schlußfolgerung, die aus den Zahlengruppen für die Klassendifferenzierung beim Judentum gezogen wird, für nicht ganz überzeugend. Erst recht verbietet sich dann der zeitliche* Vergleich. So soll nach S. 118 die Stärke des Proletariats bei den preußischen Juden (1852 100 gesetzt) 1925 auf 456o/0 gestiegen sein. Noch ein paar Worte über den letzten Abschnitt des Buches „Rückblick“ und „Ausblick“. Das Material, das der Verfasser da beibringt, ist teilweise nicht beweiskräftig genug. Die „bürgerliche“ Verstaatlichungstendenz kann vorerst nur als vorübergehende Notmaßnahme betrachtet werden. Entgegengesetzte Tendenzen zeigen sich heute übrigens bei den Städten. Die persönlichen Erfahrungen des Verf. beim jüdischen Arbeitsnachweis in Berlin sind recht aufschlußreich. Leider muß man die aber heute in jeder Industriestadt sammeln. Charakteristisch sind auch die Steuerzahlen jüdischer Zensiten. Was der Verf. über Autarkie sagt, ist schon richtig. Mit wirklich größtem Interesse habe ich die klar geschriebene, sehr aufschlußreiche Arbeit gelesen. Köln, im Februar 1933. Jakob Breuer. Max Wiener, Jüdische Religion im Zeitalter der Emanzipation. Berlin 1933. Philo Verlag und Buchhandlung G. m. b. H. 282 S. Das Buch will eine Ideengeschichte des Judentums von Mendelssohn bis zum Aufkommen der jüdisch-nationalen Bewegung geben. Es entwickelt gemäß den geistigen Machtverhältnissen dieser Periode vornehmlich die im deutschen Kulturkreis erwachsenen Gedanken und führt die für die Periode charakteristischen Persönlichkeiten und geistigen Ereignisse mit ziemlicher Ausführlichkeit vor. Zur Abrundung und Verdeutlichung des Bildes wurden auch Erscheinungen und Persönlichkeiten außerhalb des deutschen Schauplatzes in die Betrachtung einbezogen. So erhielt etwa S. D. Luzzattos religiöse Persönlichkeit eine eingehende Würdigung, um den Unterschied zwischen ihr und der deutschen Neu-Orthodoxie herauszuarbeiten. Die ostjüdische Haskala hingegen wurde nur gestreift, weil sie einen eigenen Kreis bedeutet. Wert gelegt wurde auf eine genauere Darlegung des typisch Erscheinenden, wobei manche Gestalt und manches Buch, die gewiß mit nicht geringerem Rechte dargestellt werden konnten, nicht geschildert zu werden brauchten, weil sie keine neue Note hinzugefügt hätten. Schon aus diesen Gründen ist es verständlich, daß auf Vollständigkeit hinsichtlich der Literatur mit Absicht verzichtet wurde. Verf. sucht den gewaltigen Stoff in drei durch die Gedankenmassen des Zeitraums gelegten Längsschnitten ordnend zusammenzufassen. Den Kern bilden die Kapitel „Religionsgesetz und Lebensform“, „Philosophie und Weltanschauung“ und „Der religiöse Gehalt in der »Wissenschaft des Judentums*“. Im 19. Jahrhundert war der deutsche Zweig des Judentums für die Entwicklung des jüdisch-religiösen Lebens führend. Die bürgerliche Emanzipation bekam hier den Charakter einer geistigen Bewegung, die nicht etwa aus dem Judentum herausführte, sondern einen sehr ernsten Versuch machte, seinen Ideen- und Lebensgehalt zu erneuern. Ueber die Grenzen des Gelingens eines solchen Strebens will das Buch Auskunft geben. Schwierig war auch die zeitliche Abgrenzung. Mit Mendelssohn mußte begonnen werden. Bis zum 6. oder 7. Jahrzehnt ist eigentlich alles gesagt, was aus der Idee dieses Zeitalters: heraus zu sagen ist. Gewiß tritt später noch in der Person Hermann Cohens 79