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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1935-01-01 · Heft 1 · p. Seite 78

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1935
Issue
Heft 1
Article
[Rezension]
Date
1935-01-01
Page
Seite 78 (sequence 1)
Language
German
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Literatur Jakob Lestschinsky, Das wirtschaftliche Schicksal des deutschen Judentums (Aufstieg, Wandlung, Krise, Ausblick). Schriften der Zentralwohlfahrtstelle der deutschen Juden und der Hauptstelle für jüdische Wanderfürsorge, Nr. VII. Berlin 1932. Verlag der Zentralwohlfahrtstelle. 169 S. Der Verf. will, wie er betont, die allgemeinen Richtlinien des vom Thema gegebenen Entwicklungsprozesses während des letzten Jahrhunderts in knappen Umrissen entwerfen. Die beruflichen und sozialen Umschichtungen der deutschen Juden werden statistisch bis zu den Ergebnissen der Berufzählung von 1925 verfolgt, auf deren Zergliederung und Interpretation das Schwergewicht liegt. Da dem Verf. aber das „Schicksal“ des deutschen Judentums am Herzen liegt, folgt — die Einleitung (S. 5—15) behandelt kurz „Die gegenwärtige Krise im Leben der deutschen Juden“ — noch ein „Ausblick“ nach der Situation von 1925, der wegen des zahlenmäßigen Notbehelfs im wesentlichen unter dem Werturteil des Verf. steht, während in den Hauptteilen des Buches Lestschinsky sich notwendig von den statistischen Beweismitteln führen lassen muß. Die Tendenzen der Entwicklung, die in zwölf Kapiteln dargestellt werden, mögen knapp charakterisiert werden. Eine Plage, auch für das Judentum, das Betteljudentum zu Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Handwerkerzuwachs, vor allem auch durch den Zuwachs der Posener Juden, in der ersten Hälfte des Jahrhunderts Abnahme der Hausier- und Zunahme u. a. der mittleren Händlerschicht in den größeren Städten. Natürlich auch Wachstum der Lohnempfänger, vornehmlich zum Handelsangestellten und Handwerkergesellen hin. Allgemein sozialer Aufstieg bis zur Mitte des Jahrhunderts. Parallel läuft allerdings eine starke Auswanderung nach den Vereinigten Staaten, die bis in die 70er Jahre andauert. Mit dem Wachstum der Juden von 1820 100 auf 1925 209, absolut 1925: 564 379 (= 0,9<>/o der gesamtdeutschen Bevölkerung), geht der Urbanisierungsprozeß vor sich; Köln u. a. 1816: 0,30o/o, 1925 : 2,30o/0 Juden. Dazu kommt ein Ueberalterungsprozeß, bedeutend stärker als bei der nichtjüdischen Bevölkerung. Demnach der Anteil der unter 14jährigen 1843 : 36o/o, 1925 nur noch 16,20o/o. Besondere Beachtung schenkt der Verf. den ökonomischen und sozialen Entwicklungstendenzen in der 2. Hälfte des 19. und im beginnenden 20. Jahrhundert. Die Entwicklung nach den freien Berufen hin ist unstreitig festzustellen. In Preußen, dem judenreichsten Staate Deutschlands, stieg der Anteil in o/0 aller Berufe von 2,9 im Jahre 1861 auf 8,7 im Jahre 1925. Fundamental ist die Frage nach dem Anteil der Juden am Handel. Die Daten für Preußen zeigen, daß von 100 erwerbstätigen und berufslosen selbständigen Juden in der Abteilung „Handel und Kredit“ 49,3 und von 100 Nichtjuden nur 9,8 tätig sind. Der Anteil bei den Juden war 1861 noch 58,3. Dieser Abkehr vom Handel entsprach u. a. auch eine Steigerung des Anteils in Industrie und Handwerk von 16,5 auf 21,9 in den Jahren 1861 bis 1925 für Preußen. Den größten Anteil Juden zeigt 1925 die Bekleidungsindustrie, an erster Stelk stehen auch die Textilindustrie und die elektrotechnische Industrie. Wiederholt beschäftigt sich Lestschinsky mit den Motiven für den Wandlungsprozeß vom Handel zur Industrie (SS. 81, 86). Die Abkehr vom Handel scheint mir aber etwas überbetont. Die Juden sind einmal nur in den konsumnahen Industrien vertreten, die vom Handel kommen. Das gilt für weite Bezirke der Bekleidungsindustrie (Konfektion, Schuhe), gilt aber auch insofern für die elektrotechnischen Industrien, als hier in stärkstem Maße heute die Radioindustrie von Juden besetzt ist. Es handelt sich um einen Industriezweig, der starke händlerische Fähigkeiten (Wandel in der Produktion, Absatzpropaganda u. a.) erfordert. Außerdem müßte noch festgestellt werden, wie weit Juden aus dem an sich rückgängigen Großhandel verdrängt wurden. Auch an den Werkshandel wäre zu denken. Ebenso scheint mir die Erklärung des Verf., warum Bayern unter allen Staaten Deutschlands den höchsten Prozentsatz Juden im Handel hat (66,2o/0 aller Juden sind dort im Handel tätig, von den Nichtjuden nur 8,9%), nicht ganz auszureichen. Hier wäre doch auch an die verschiedene Eignung der Protestanten, Katholiken und Juden im ökonomischen Leben zu denken. Charakteristisch ist, daß wichtigste Teile der Textilindustrie 78

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