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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1932-01-01 · Heft 4 · p. Seite 219

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1932
Issue
Heft 4
Article
[Rezension]
Date
1932-01-01
Page
Seite 219 (sequence 2)
Language
German
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Literatur unterrichten will, wird zu diesem Hefte greifen müssen, das nicht bloß für die; Geschichte des Regensburger Judentums aufschlußreich und bedeutungsvoll ist, sondern auch tiefe Einblicke gewährt in die Wirtschaftsgeschichte im allgemeinen und in die einer der ältesten deutschen Reichsstädte im besonderen. Der Verfasser untersucht zuerst die allgemeinen politischen Verhältnisse, welche die Lage der Judenschaft immer nachteiliger beeinflußten, und liefert den Nachweis, daß der kaiserliche Schutz, der den Juden mehr oder minder nachdrücklich immer wieder zuteil wurde, nieht so fast fiskalischen Interessen, die natürlich auch in Frage kamen, entsprang, sondern mehr in der prinzipiellen Wahrung der aus der Kammerknechtschaft stammenden kaiserlichen Rechte begründet war. Der allgemeine wirtschaftliche Niedergang machte übrigens auch vor dem Judentum nicht halt und veranlaßte eine Minderung der Einkünfte aus dem Judenregal. Ungemein nachteilig für die Juden gestaltete sich ferner die Propaganda kirchlicher Kreise gegen die Türken, Hussiten und Reformfreunde. Straus geht dabei auf die judenfeindliche Wirkung der Predigten des Johannes von Capistrano ein, auf die fanatische und fanatisierende Tätigkeit des Balthasar Huebmaier und auf den Ritualmordprozeß (1476—1480), der wie an anderen Orten auch in Regensburg die Gemüter in Aufregung brachte. Er kommt dabei zum Schluß, daß sich der Bischof selbst nach anfänglicher Unterstützung des judenfeindhchen Treibens allmählich immer mehr zurückzog, wie denn überhaupt die regierenden Stellen eher noch für das Maßhalten waren, während die untergeordneten ihren Affekten freien Lauf ließen. Noch schwieriger gestalteten sich die Verhältnisse durch die politischen Bestrebungen der bayerischen Herzoge, des Landshuter, der nach dem Mißerfolg seiner auf die Vertreibung der Juden hinzielenden Agitation sein Interesse daran verlor, und des Münchners, der nach der Wegnahme Regensburgs (1486) gerade wegen der Gerichtshoheit über die Juden mit seinem niederbayerischen Vetter in Meinungsverschiedenheiten geriet. Sie fanden ihr Ende mit dem Landshuter Erfolgestreit, dessen Ausgang dem Kaiser Maximilian die Obrigkeit über die Juden verschaffte. In einem weiteren Kapitel wird die Stellung des deutschen Kaisers zu den Juden untersucht. Dabei greift Straus bis in die Zeiten des Regensburger Burggrafentums zurück und versucht in die Unklarheit der Herrschaftszuständigkeit der Regensburger Juden einiges Licht zu bringen. Stritten sich doch immer wieder um sie der Kaiser, die Stadt, der Bischof und die bayerischen Herzoge, so daß der Ausspruch eines päpstlichen Legaten: „Multi canes sunt ad istud os", die verwirrte Sachlage vortrefflich charakterisierte. Ferner werden die Bemühungen der Stadt, welche 40 Jahre lang auf das Ziel der Judenvertreibung hinarbeitete, geschildert, die Rechtsgründe, die sie dazu zu haben glaubte, und ihre klägliche politische und wirtschaftliche Lage, für welche sie dadurch eine Linderung erhoffte. Da die Verschuldung der Bürger eine große Rolle dabei spielte, wird auf den „Judenwucher" und das „jüdische Hehlerrecht" genauer eingegangen. Von Bedeutung wurden dabei noch die religiösen Gesichtspunkte, die um so nachhaltiger die Stimmung beeinflußten, als die Zeit schon immer mehr der Reformation zudrängte. Schließlich wird den Verhältnissen der Regensburger Juden selbst ein ausführliches Kapitel gewidmet und gezeigt, wie der Streit zwischen ihnen und der christlichen Bürgerschaft nicht bloß als ein Konkurrenzkampf, sondern als ein Kampf ums Dasein empfunden wurde. Die Bürgerschaft sah sich benachteiligt durch die Verletzung des Kundenschutzes und der Zunftordnungen, und die Juden waren genötigt, infolge der Vernichtung des Darlehensgeschäftes sich auf den Warenhandel zu verlegen, den wiederum die Stadt mit allen Mitteln zu verhindern suchte. Die besonderen Erscheinungsformen der Regensburger Judenvertreibung und der Verhältnisse, die zu ihr geführt haben, treten in eine noch hellere Beleuchtung durch einen lehrreichen Vergleich mit der Frankfurter Judenverfolgung von 1614, welcher den Beschluß der Abhandlung bildet. Diese gedrängte Inhaltsübersicht zeigt, welche Fülle von Fragen, die bisher unberücksichtigt geblieben sind, hier angeschnitten und untersucht werden. Besonders zu rühmen ist das überall hervortretende Bestreben des Verfassers, in dem wirren Durcheinander der widerstreitenden Kompetenzen auf den letzten Grund der Erscheinungen zu dringen und das große Ereignis als eine Folge einer Reihe von tief liegenden Ursachen aufzuzeigen. 219

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