Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 4
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 215 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 85% known words query
- IRI
…/2259275-2259293-2259297-2261594--3974-2261673- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Literatur und bedeutet das „Verschreien" (= Kreischen, vgl. „angekrische" S. 128) der den Neugeborenen feindlichen „Frau Holle". Sie ist die Waldfrau Huldra der nordischen Sage. An der Spitze der ungetauft gestorbenen Kinder zieht sie, in einzelnen deutschen Gegenden verschieden benannt, wie der wilde Jäger oder mit ihm umher, die ungesegneten Kinder mitnehmend. Deshalb nehmen in Vorarlberg die Wöchnerinnen beim „Hervorsegnen" das Neugeborene in die Kirche mit. Eine schwedische Sage weiß nun von Adams erster Frau zu erzählen, daß sie, mit ihm verfeindet, samt ihren Kindern dazu verdammt wurde, unsichtbar zu bleiben. Sie heißt hier Lucia, offenbar aus Lilis verstümmelt, wie im bayerischen Volksglauben „Ulli" mit dem wilden Jäger reitet und man sich vor ihnen durch diesen Namensruf schützt. Es ist die jüdische auch zu den Arabern gewanderte Ueberlieferung, nach der Lilith, jetzt die Frau Satans, mit dem sie Dämonen erzeugt, sich für den tägKch erfolgenden Tod ihrer Kinder an denen Adams rächt, indem sie die Neugeborenen tötet, Knaben bis zum achten Tage, Mädchen bis zum zwanzigsten. Knaben werden deshalb in der „Wachtnacht" (S. 157), der Nacht vor der Beschneidung, durch die der Lilith Macht gebrochen wird, besonders sorgfältig bewacht. Mädchen sind nach der Namengebung beim ersten Synagogenbesuch der Mutter, während sie bei den Knaben schon mit der Beschneidung verbunden wird, gegen diesen Unhold gefeit. Somit hat sich im Hollekreisch wie in anderen jüdischen Bräuchen altdeutsche Sitte, hier allerdings frühzeitig mit jüdischen Vorstellungen durchsetzt, nur bei den deutschen Juden, die sie auf ihren Wanderungen mitnahmen, bis heute erhalten. Nicht unerwähnt bleibe auch, daß von den „Namen" auf den S. 157 berührten Kindbettzetteln der erste, Snwj, wie ich anderwärts nachweise, aus Sanegor (s. s. v. Jüd. Lexikon) entstanden ist, der sich den aus Inzestverbindungen erzeugten Kinder zuwendet, wie Holda den ungetauften. Der Deutsche suchte das Kind zu schützen, indem er an der Wiege einen Drudenfuß anbrachte. Dieses Pentagramm erhielt magische Bedeutung, weil man dieses „Siebeneck" als Krone von Eugenia crinus, als Stilglied von Eucrinas lillijformus (s. ZitteL Palaeontologie, S. 140) und sonst zutage fördert und solche seltsame Naturbildungen, wie auch Knochen von Sauriern und ähnliche Funde, abergläubisch gedeutet werden (s. Dacque, Urwelt, S. 82 ff.), als Werk der Unter- (oder Ueber-) irdischen betrachtete. Das Hexagramm, übrigens auch in der Geburtskirche zu Bethlehem, ist Fruchtbarkeitssymbol und hat mit hybriden Bildungen wie Magen Drud, das schon seit nahezu 100 Jahren durch die Literatur spukt, nichts zu tun. Auch die Bilder (S. 136) weisen zum Teil auf tiefere kulturgeschichtliche Zusammenhänge hin. Die Bundestafeln, von einem Löwen getragen, weist auch eine Galeere in Breidenbachs „Pilgerreise" (a. d. J. 1486, bei Heyk, Kreuzzüge, S. 9) auf, die Tierkreiszeichen seit dem 9. Jahrhundert das Innere oder das Portal von Kirchen (Götzinger, Reallexikon der deutschen Altertümer, S. 948), die Hasenjagd („Jak'n Has" ist natürlich Volksetymologie) griechische Vasen und christliche Darstellungen [der verfolgten Christenheit (so nach Tertullian) oder von den Christen ins rettende Netz der Religion getriebenen Sünder (so nach Herrad von Landsberg)], die drei Fische mit einem Kopf schon Altägypten (Spieß, Bauernkunst, S. 123), die drei Hasen mit einem Ohr (wie drei Mondsicheln, z. B. bei Seligmann, Der böse Blick, III, S. 306) sind Mondsymbol usw. Nach S. 132 ist pittuche chotham Exod. 28,11 u. sonst, genau sollte es mefatteach chotam (= Steinschneider) heißen. Mechulle (S. 132) ist hebräisch, Part. Pual von Kala —. Wijhi noam (S. 152) vgl. Psalm 90, 17. — Manus, Menke usw. ist (Mittlgn. z. jüd. Volkskde. 1911, S. 18) Menachem, Bonvit: Bonfat, Bonifatius (das. 112), Pereitz Perez (das. 22), Telzche Dulce (das. 118), Gittel Gutta (das. 108), Liebche Liba (das. 109), Keile Gella (das. 108); — preien (das. S. 128) ist deutsch (vgl. Mittlgn. z. jüd. Volkskde, 1901, Heft 1, S.59), perientes ist pour rien dire, chuschkelemorum: chusch! periculum in mora! Bonem ist Bonom (Mitteilgn. z. jüd. Volkskde., 1911, S. 112). Segen (S. 129) ist nicht Secundus (vgl. die Wörterbücher zu Targumin und Talmud). — Berches (S. 130) ist Brezel (aus Brachellus; vgl. Mittlgn. z. jüd. Volkskde., 1915, Heft 1/2, S. 2). — Kamza und Barkamza (S. 131) ist eine Anspielung auf Gittin 55b/56a. — Grimsel (141) aus vermicelle. — Klag's dem Stein (S. 158) vgl. S. Rubin, Gesch. d. Aberglaubens, S. 180. — Maus hast 'nen alten Zahn (S. 161), dasselbe in der Mark und in Schlesien: Mor. Busch, Deutscher Volksglaube (157), Koppers, Unter Feuerland-Indianern [210: „Verliert ein Kind einen Milchzahn, so wirft es ihn ins Meer und bittet ein bestimmtes Seetier, ihm 215