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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1932-01-01 · Heft 4 · p. Seite 185

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1932
Issue
Heft 4
Article
Elise Reimarus und Moses Mendelssohn
Date
1932-01-01
Page
Seite 185 (sequence 13)
Language
German
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Bertha Badt-Strauß. Elise Reimarus und Moses Mendelssohn auch vorzuwerfen habe, in dieser Sache zu viel getan zu haben, d._ h. zu freigebigmit den Auszügen aus Ihren Briefen gewesen zu sein? ... Sollte es geschehen sein, so vergeben Sie es dem falschen Urteil eines Kopfes, dessen Fehler sonst die Geschwätzigkeit nicht ist. Leben Sie wohl und lassen mich bald ein tröstendes Wort von Ihrer Hand lesen ..." Es ist bezeichnend für die menschlich unbeirrbare Art der Hamburgerin, daß sie in diesem Augenblick, da einer der Gegner — und sei es auch der, der bis jetzt ihrem Herzen am nächsten gestanden hat! — einen unvornehmen Zug tut, sich mit vollem Herzen auf die Seite des andern stellt. Wie sehr sie das tat, das zeigt ihr Brief an Jacobi vom 24. Oktober 1785, der hier zum ersten Male in seiner originalen Fassung36) abgedruckt werden kann. „Hamburg, den 24. Oct. 85 Ich kanns Ihnen nicht beschreiben, liebster Jacobi, wie ich überrascht ward, als ich in voriger Woche, statt eines Briefes von meiner Lene, dem ich schon so lang entgegensehe, zwei gedruckte Bücher von Ihrer Hand erhielt, und darin — Darf ichs Ihnen gestehen, liebster Freund, daß Unwille das Erste war, was mich dabei ergriff? O ja, ich muß, ich kann nicht anders als ehrlich mit Ihnen sein. Sie verdienen es. Sei es immer Vorurteil, was mich lenkte, ich erschrak, als ich unsern Lessing da so bloß vor einer Welt gestellt sah, die ihn nicht verstehn, nicht beurteilen kann, die es nicht wert ist, ihn ohne Schleier zu sehn. Nicht daß ich nicht mit Mendelssohn zufrieden sei, unsern Freund, wenn er Spinozist war, auch als Spinozist darzustellen: aber das ganze Detail eines vertraulichen Gesprächs, jene kleinen Scherzreden, die man sich nur gegen den Freund unsrer Seele und unsres Kopfes erlaubt, und die außer diesem engen Kreise überall zu Blasphemien werden — kurz, lieber Mann, ich wiederhol es: seis Vorurteil oder unrecht verstandene Freundschaft für Lessings Andenken, ich konnte Ihnen nicht gleich so von Herzen für dies öffentliche Denkmal Ihrer Freundschaft danken als — ich es heute in Geist und Wahrheit tue. Aber, hör ich Sie fragen, ,wie konnten Sie vermuten, daß ich stille sitzen sollte, da M. mit seiner Schrift ans Licht trat, ohne mir solche vorher mitzuteilen?' Liebster Jacobi (ohne mich darauf einzulassen, ob ich nicht lieber gesehn, er hätte Ihnen seine ,Morgenstunden', wie er erst willens war, im Manuskript zugeschickt) — weil ich durch Ihr und Mendelssohns gemeinschaftliches Uebereinkommen gewiß war, es solle in diesen Morgenstunden bloß vom Pantheismus überhaupt, aber gar nicht von jenem Lessing betreffenden Briefwechsel die Rede sein; weil ich mir ferner fest einbildete, daß, wenn auch einst unmittelbar die Rede von Lessings Spinozism sein würde, doch das Detail jenes Gesprächs wie das Gedicht ewig nur für die intimsten Freunde Lessings oder für stärkere Magen bleiben sollte. In dem letzten gesteh ich, mag ich Unrecht haben: aber Liebster, können Sie mir verdenken, daß ich erschrak, ja daß ich in einen wehmütigen Kummer versank, wenn ich mir vorstellte, daß aus einem Wettstreit um Wahrheit, bei dem zwei der edelsten Wahrheitsforscher, zwei der genausten Freunde Lessings und — die meinen — sich traulich vor aller Welt die Hand boten, nun ein Privatstreit werden könne37), bei dem nur die Feinde Lessings und der Wahrheit siegen könnten, und zu dem ich vielleicht unschuldiger Weise ein Fünkchen beigetragen. — Ich wiederhole, dieser Gedanke schlug mich auf eine Weile ganz nieder, bis 36) Jacobi selbst hatte ihn nicht vollständig abzudrucken gewagt. Seitdem war uns durch Zoeppritz (Aus Jacobis Nachlaß I, 66 f.) eine Abschrift Hamanns bekannt geworden, die auch Scholz (a.a.O., S. LXXXVI) wieder abgedruckt hat. Die originale Fassung des Briefes aber habe ich erst jetzt im Nachlaß der Eüse Reimarus gefunden, wobei freilich dahingestellt bleiben muß, ob der Brief in dieser Fassung dann auch unverändert von Elise abgeschickt worden ist; jedenfalls aber zeigt sie weit deutlicher noch, als bisher zu sehen war, Elisens innere Stellungnahme. 37) Im Druck ließ Jacobi die Stelle von „könne" bis zum Schluß fort (a. a. O. IV, 2, 219). 185

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