Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 4
- Article
- Elise Reimarus und Moses Mendelssohn
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 184 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Bertha Badt-Strauß. Elise Reimarus und Moses Mendelssohn brückenbauenden — diesmal vielleicht ein wenig allzu bewußten Art fügt sie hinzu, daß diese Mitteilung Jacobis Mendelssohn vielleicht noch wertvoll werden könnte, da sie ihm „zu einer Farbe mehr in der Schattierung von Lessings Charakter, darum es ihm ja eigentlich zu tun war", verhelfen könnte. Noch mehr: sie selbst sowohl wie Mendelssohn scheinen zuerst Jacobis Fragen und Antworten mit Absicht ein wenig zu bagatellisieren, mit lächelnder Ueberlegenheit abzuweisen. Die nüchterne Hamburgerin ist, wie sie sagt, von der dunklen Furcht erlöst, daß für Lessing in seinen letzten Tagen als „für einen Kopf, für den in diesem Leben wohl kein System mehr durchzuklauben geblieben, vielleicht am Ende das erste aus den Kinderzeiten wieder neuen Reiz gehabt hätte"; besonders weil selbst Lessings beste Freunde nach seinem Tode viel von einem Ahndungs- und Zeichendeutungsgeist bei ihm gesprochen, der zum Aberglauben hin zu neigen schien33). Und Mendelssohn gar weiß ihr als Antwort darauf erbaulich das Bild auszumalen, wenn sie ihn in seiner letzten Stunde besuchte und ihn . . . mit einer Amulette um den Hals und in David Humes Dialogen lesend fände34). Allmählich wird die Streitfrage ernster. Jacobi sendet seinen großen Bericht über seine Gespräche mit Lessing; Elise vermittelt vom Einen zum Andern und tut nach ihren eignen Worten fürs Erste das Ihre, um „zwei edle Ritter, die ihr beide wert sind, in die gehörige Fassung für einander zu setzen"35). Noch mehr: sie freut sich, als „Hebamme" für das Geisteswerk ihres „Bruders im Geist" dienen zu können35), schickt Jacobis Briefe mit möglichster Beschleunigung an Mendelssohn weiter und faßt nochmals ihre Erwartungen und Wünsche für diesen geistigen Zweikampf zusammen: „Der Himmel gebe Ihnen beiden Kräfte und Geduld, sich an dem bestimmten Kampfplatz zusammen zu treffen! Dem Ueberwinder oder den ausgesöhnten Feinden alsdann von ferne zuzuklatschen, das ist Alles was eine arme Sterbliche wie ich bei der Sache tun kann"35). Am selben Tage aber noch ändert sich dies friedlich-schiedliche Werk. Kaum hat sie den Brief geschlossen, da erhält sie — sie selbst erzählt es Mendelssohn in einer Nachschrift vom 18. Oktober 1785: „mir nichts, Dir nichts, das heißt ohne einen Begleitungsbrief, ohne das geringste Vorherwissen durch Claudius zwei gebundne Büchlein, eins für mich und eins für unsern Doktor, unter dem Titel ,Ueber die Lehre des Spinoza in Briefen an Herrn Moses Mendelssohn*. Schon der bloße Anblick des Titeis machte mir das Blut ins Gesicht steigen. Aber wie sehr stieg mein Unwille, da ich in der Schrift selbst nicht nur jeden kleinsten nicht daher gehörigen Umstand einer Privatkorrespondenz, sondern auch jeden kleinsten nicht daher gehörigen Umstand einer Privat-Unterredung, ja eines vertraulichen Privat-Spaßes unsres verstorbenen Freundes vor den Augen des spottenden oder trauernden Publikums zur Schau gestellt sah. Wie unschicklich, wie schief handelt doch selbst der beste redlichste Mann, wenn er in Hitze gerät oder sein beleidigtes Ich verteidigen zu müssen glaubt . . . Doch ich will Sie nicht auch bis zum Ekel ins Detail dieser Sache hineinführen, die Sie vielleicht schon mit dem Ihnen eignen Lächeln — bei Seite gelegt haben. Nur Eins, liebster Mendelssohn, ist mir wichtig, ob ich es mir S3) ib. 11.2.1783 u. 4.8.1783. — Vermutlich schwebt ihr bei dieser Besorgnis der einstens vielbesprochene Tod des Philosophen Alexander Gottlieb Baumgarten vor, der in seinen letzten Stunden aller Philosophie entsagte. 3*) M. M. an E. R. 16.8.1783. 35) E.R. an M.M. 26.10.1784; 26. 4.1785; 17.10.1785. 184