Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 4
- Article
- Elise Reimarus und Moses Mendelssohn
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 183 (sequence 11)
- Language
- German
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Bertha Badt-Strauß. Elise Reimarus und Moses Mendelssohn die Augen fiel . . . Mendelssohn hat seines Briefwechsels mit Lessing bis diese Stunde noch nicht habhaft werden können; aber der Bruder hat versprochen, ihm nächstens ein Paket Schriften zu schicken, worunter auch dieser Briefwechsel sein soll. Und alsdann verspricht Mendelssohn sein Wort wegen des „Etwas über Lessings Charakter" zu halten. Der Himmel gebe ihm dazu Gesundheit und Heiterkeit, so werden wir doch einmal etwas über unsern Freund lesen, was des Mannes wert ist"23). Es ist bekannt, welche für Mendelssohn verhängnisvolle, für die Freundin zum mindesten aufregende Rolle dieser briefliche Bericht an Jacobi spielen sollte. Mit ihm beginnt der berühmte „Pantheismusstreit" zwischen Mendelssohn und Jacobi, der noch einmal die Freundschaft zwischen Elise Reimarus und Mendelssohn auf eine schwere Belastungsprobe stellen sollte. Ueber die sachlichen Vorgänge und Hintergründe dieses Streites gibt das ausgezeichnete Buch von Heinrich Scholz29) alle wünschenswerte Auskunft. Aber manche Dunkelheit blieb bis jetzt noch in der Stellung der „Schiedsrichterin zwischen den kämpfenden Rittern", die nun durch genauere Kenntnis ihres Hennings-Briefwechsels und ihrer Briefe an Mendelssohn zu erhellen möglich wird. Auch zwei, zum Teil ungedruckte Briefe an Jacobi, die ich in ihrem Nachlasse fand, tragen wesentliches zur Erkenntnis bei. » * Von vornherein war die Stellung der Frau zwischen zwei Freunden durchaus nicht leicht zu bestimmen. Gewiß, Verehrung vieler Jahre und gemeinsames Streben zur Religion der Vernunft verbanden sie — hier fester, dort lockerer — mit Mendelssohn. Aber Jacobi war ein alter Freund ihrer Familie und war ihr bei seinem letzten Besuche in Hamburg, wo er Matthias Claudius seine Söhne zur Erziehung anvertraute (1780), damit sie „vor einer ausgearteten Verfeinerung durch simple moralische Richtung ihres Herzens bewahrt werden sollten"30), besonders nahe gekommen. „Jacobi bleibt mein Mann!", schreibt sie wohl und lobt ihn als „ein zum Besten seiner Zeitgenossen tätiges Genie". Mit seiner praktischen, hilfreichen Schwester Lene verband sie herzlichste Freundschaft; und sein schönes Wort zu Lessing: „Ich lebte schon lange nicht mehr, wenn es keine Bäume, Kinder und kindesgleichen Menschen gäbe"31) — das hat sie sich wohl selbst zu eigen gemacht. Aber: schon 1784 war Jacobi in Emkendorf gewesen, seinem späteren Asyl und Zufluchtsort, dem Schlosse des Grafen Reventlow, wo die Parole galt „Krieg dem Rationalismus!"; und in den Kreisen der Reimarer nannte man ihn den Philosophischen Centauren, weil er „halb Denker, halb Schwärmer" war. All dies Hin und Her von Neigung und Abneigung, Zustimmung und Ablehnung offenbart sich nun in seiner Stellung zu der von ihm selbst aufgerollten Frage: ob Lessing in seinen letzten Lebensjahren Spinozist — das heißt im Sinne der Zeit und im Sinne Jacobis selbst: Atheist — gewesen sei. Elise ists, die dem Lebensfreunde Lessings zuerst Jacobis Bericht über sein Gespräch mit Lessing übermittelt32) (1783). In ihrer wie sonst geschickt 28) Jacobis Werke 1819, Bd. II, 1, S. 38. 29) H. Scholz, Die Hauptschriften zum Pantheismusstreit zw. Jacobi u. Mendelssohn. Hgg. v. H. Scholz. Berlin 1916. so) E.R. an H. 21.7.1780 u. 11.8.1780. S1) ib. 16.8.1785. ») E. R. an M.M. 11.2.1783. 183