Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 4
- Article
- Elise Reimarus und Moses Mendelssohn
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 182 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Bertha Badt-Strauß. Elise Reimarus und Moses Mendelssohn und dankt freundlich im eigenen und in des Bruders Namen. Sehr begreiflich, daß ihnen in diesem Buche ganz besonders die alte Streitfrage zwischen Hennings und Mendelssohn, die Behandlung der Grenzen von Staat und Toleranz, die hier ja völlig im Sinne der Aufklärung beantwortet war, einleuchten mußte. Ja, es scheint, als ob Mendelssohn in diesem Buche gerade dem unentwegten Aufklärungsmanne Hennings manche Antwort auf seine Einwände zukommen lassen wollte. „Wer die öffentliche Glückseligkeit nicht stört, den lasset sprechen wie er denkt . . ." Kein Wunder, daß Hennings „Jerusalem" bewunderte; es sei „aus dem Feuerstrome geschöpft, in den sich ehemals seine eigne Seele hinabstürzte", schreibt er dem Meister. Freilich mußten die Hamburger gegen die Offenbarungslehre Mendelssohns und gegen seine Rechtfertigung der jüdischen Zeremonien wohl die gleichen Einwände erheben, die sie schon gegen seine Bibelübersetzung vorbrachten. Daß in Elisens Briefen diese Einwände zurücktreten, hat einen andern Grund. Ihr eigentliches Anliegen an Mendelssohn ist in dieser Zeit ein andres. Aus Hennings Berichten wußte sie, daß er beabsichtigte, Lessing ein „seiner würdiges Denkmal" aufzurichten. Nun wird sie nicht müde, ihn zu mahnen, daß er der Welt „Etwas über Lessings Charakter sagen solle, das nur er allein ihr sagen kann". Dagegen rät die kluge Frau dem Freunde Hennings selbst ab, schon jetzt über Lessing zu schreiben. „ . . . alle seine Biografen sollen eine gute Weile still sitzen und sammeln und verdauen ehe sie sich unterständen, über solchen Mann Etwas zu sagen. Anekdoten sind noch keine Lebensbeschreibung und Brocken kein Ganzes.. ."25). Aber sie sehnt sich danach, daß Mendelssohn über Lessing schreibe: „Der kanns!" Und dazu will auch sie durch Mitteilung von Lessings Briefen nach Kräften beitragen. Aber — und hier wird vielleicht die Wurzel ihrer Lebensfreundschaft zu Lessing tiefer aufgedeckt als sie selbst wußte! — ihre eigenen Briefe an Lessing soll ihr der Freund vom Bruder Lessings oder von Voss wieder verschaffen, die „armseligen namenlosen Waisen, die nur in Rücksicht auf ein armseliges weibliches Geschöpf Schonung verlangen, das sich nicht zur Mutter derselben bekennen darf. Und doch! was macht ich mir daraus, wenns mein Ich allein beträfe! —"26). Wie um dem ihr wieder nahe gerückten Freunde Mendelssohn nun auch im Bilde nahe zu bleiben, hat Elise ihrem Briefe vom 20. Juni 1783 zwei Schattenrisse (vermutlich von ihr selbst und dem Bruder) beigelegt, die leider aus der Mappe verschwunden sind27). Ihren Besuch bei Mendelssohn in Berlin hat Elise in einem Briefe an F. H. Jacobi mit leuchtenden Farben geschildert: „Mendelssohn, meinen lieben Mendelssohn, sah ich gestern. Er ist ganz wie ich ihn mir dachte; unwiderstehlich einnehmend durch die überall aus ihm redende Güte des Herzens und hervorleuchtende Klarheit des Geistes . . . Lessings nicht unähnliche Büste war das Erste, was beim Hereintreten mir in 25) E.R. an H. 1.5.1781. 26) E.R. an M.M. 4.8.1783. 27) Ich vermute, daß diese Schattenrisse wohl zu gleicher Zeit und von derselben Hand angefertigt wurden wie der von mir im Hamburger Staatsarchiv aufgefundene Schattenriß der Elise Reimarus. 182