Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 4
- Article
- Elise Reimarus und Moses Mendelssohn
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 180 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Bertha Badt-Strairß. Elise Reimarus und Moses Mendelssohn Menschen Mühe ganz vergeblich ist Doch scheints, daß Mendelssohn auf der andern Seite bei den nicht orthodoxen Christen wieder gewinne, wenn das für Gewinn gerechnet werden kann, und mein Pastor Krohn [einer der Subskribenten für M.s Bibelübersetzung], als ich ihm sagte, daß die deutsche Uebersetzung zum Besten von ein paar armen Familien wäre, erbot sich gleich, auch davon ein Exemplar zu nehmen, diese Familien wären nun Christen oder Juden. Von dem Gebrauch, den Mendelssohn von Ihrer Nachricht die Handwerksfreiheit der Juden betreffend gemacht, haben Sie wohl noch nichts gehört? Oder erfordert es noch Verschwiegenheit?20). Gleichzeitig zeigt sich hier, wie gut man im Hause Reimarus über das jüdische Leben in Hamburg unterrichtet war. Zu den Freunden des Kreises gehörte ja Moses Wessely, der neujüdische Bruder des altjüdischen Hartwig Wessely; wir hören später in den Briefen an Hennings, wie treu Elise für sein trauriges Alter zu sorgen sich mühte, wie sie aber auch Zerrüttung und Mischehe in seiner Familie mit zweifelndem Auge verfolgte. Jetzt aber erzürnt sie der „Donnerkeil des Rabbi von Altona", das Verbot, das der Rabbi über die Bibelübersetzung ihres Freundes aussprach; sie sieht ja hier die Dunkelmänner, die Lessings Leben verdüsterten, auch innerhalb der jüdischen Gemeinschaft auftauchen und vergleicht Mendelssohns Kampf mit der Orthodoxie mit den Widerständen, die der Pastor Alberti fand, „als er seinen Kindern einen vernünftigen Katechismus geben wollte". Zumal sie sich über den Einfluß des Verbots auf die dortigen Juden völlig klar ist: . . . Und was wirkts? wie jeder . . . Gewissenszwang nicht treueres Anhängen an die Secte, sondern geheimen Abfall. Die Vernünftigen unter den deutschen Juden fangen an, Augen zu kriegen und Mut zur Empörung — die Portugiesen trennen sich vollends und beobachten wenig oder garnichts von äußeren Gebräuchen; so wie sie auch schon für oeconomischer sowohl als vernünftiger fanden, nachdem ihr letzter Rabbiner gestorben, gar keinen wieder zu nehmen21). > Diese Nachrichten über die Sefardim in Hamburg erhalten dadurch ihren besonderen Wert, daß ja bekanntlich beim Hamburger Brande 1842 sämtliche Schriftstücke und Protokollbücher der portugiesischen Gemeinde aus den Jahren 1682—1794 verbrannt sind, also sehr wenige Grundlagen für ihre Geschichte vorhanden sind. Sie stimmen völlig zu den Berichten über den Niedergang der Sefardim in Hamburg im 18. Jahrhundert, wo sowohl Gelehrte wie jüdische Politiker, deren sie sich früher in reicher Zahl erfreute (Sasportas, De Castro u. a.), fehlen22). Ob der oben erwähnte Verzicht auf die Neubesetzung der Rabbinerstelle etwa mit den Kultusstreitigkeiten zusammenhängt, die wenig früher die Gemeinde veranlaßten, Belinfante aus Amsterdam als Schlichter herbeizurufen? Aus diesen Vorzeichen läßt sich schon erschließen, daß die beiden Aufklärungsfreunde Mendelssohns jüdische Hauptaufgabe, die nun in den nächsten Jahren sich erfüllen sollte, mit einiger Zurückhaltung aufnehmen mußten. Als Mendelssohn Hennings durch seinen Schwager seine Vorrede zu Manasseh ben Israel hatte überreichen lassen, erhält er einen ausführlichen Brief, der nach dem Urteil der Elise Reimarus „derbe Wahrheiten über ihn selbst wie über die Jüdische Nation" enthält. Wenn Hennings auch mit dem Ziele der Schrift, der Ausbreitung der Toleranz, einverstanden sein muß — er muß es sein, will er nicht sein eigenes Glaubensbekenntnis auslöschen —, so scheint ihm doch X20) E. R. an H. 2.10.1779. — Vgl. zu Hennings' Berichten über die zeitgenössischen Juden auch: Grunwald, Aus dem Nachlaß A. v. Hennings, MGWJ 1909, S. 80 ff. ~ . . 2M E.R. an H. 29.6.1779. 22) Vgl. Cassuto, Gedenkschrift d. portug. Gem. Hamburg 1927, und Feilchenfeld, Aus d. Gesch. d. port.-jüd. Xjem. Hamburg 1897/98. 180