Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1932
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- Die hebräische Sprachwissenschaft in Deutschland im Zeitalter des Humanismus
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 101 (sequence 2)
- Language
- German
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Otto Kluge. Die hebräische Sprachwissenschaft in Deutschland im Zeitalter des Humanismus an diese Momente knüpft die Ausbreitung der hebräischen Studien an. Ihre wissenschaftliche Abstempelung hatten diese schon durch Reuchlins Vorschlag erhalten, die Disziplin an den Universitäten aufzunehmen. (S. Teil I, S. 97.) Die Pflege an diesen Bildungsinstituten sichert einer Wissenschaft immer größere Verbreitung, als wenn sie von einzelnen Männern betrieben wird. Reuchlin selbst hatte in Heidelberg das hebräische Studium eingeweiht, wenn er auch nicht öffentlich dort gelehrt hatte. So galt er auch als Patronus, der geeignete Lehrmeister nachwies und bei Stellenvakanzen für seine Schüler sorgte. An ihn wandte sich 1518 Herzog Friedrich von Sachsen um Empfehlung zweier Lehrer des Griechischen und Hebräischen für die Universität Wittenberg, oder auch nur eines; es sei großes Bedürfnis unter den Studenten1). Reuchlin antwortete: hinsichtlich des Hebraicus habe er mit nicht geringer Mühe zwei ausfindig gemacht, die aber beide wohl unabkömmlich seien: Oekolampadius werde von den Baslern zurückgehalten, Paulus Ricius halte sich als Leibarzt eines Kardinals für zu gut. Hebräisch war ein gefragter, nicht angebotener, also teurer Artikel — im Gegensatz zu heute, wo sein Kurs bei uns unter pari steht. Auch auf Conr. Pellikanus machte Reuchlin aufmerksam. Sei auch dieser nicht bereit, so „fände man vielleicht getaufte Juden . . .; aber fürwahr, wenn sie nicht in lateinischer Zunge gelehrt sind, so könnten sie uns künstlicher Weise durch Regeln nicht lehren; denn in teutschen Landen empfahen die Juden ihre Sprach allein aus gewöhnlichen Brauch, wie so unser einer welsch lernt, das aber uns nicht so möglich ist, sondern wir müßen das Hebräische erstlich durch Regeln und darnach durch viel Lesen der Bücher, gleichwie die lateinischen und griechischen Zungen, überkommen"2). Pellikan lehnte ab und folgte einem Ruf nach Zürich. Schließlich nahm Böschenstein die Stelle an zur aufrichtigen Freude Melanchthons, der damals in Wittenberg Lehrer des Griechischen war. Mit Böschenstein erlebten die Wittenberger aber insofern eine Enttäuschung, als er die Sprache philologisch, d. h. um ihrer selbst willen trieb, nicht wie Luther wollte (s. u. S. 112) nach elementarer theologischer Methode. Luthers feindseliges Urteil über ihn ist uns oben (Teil I, S. 181) begegnet. Es ist fast, als ob jener in Böschenstein ein ihn abstoßendes naturalistisches Prinzip bekämpfte, das seinem pädagogischen Entwicklungsbegriff von der aufsteigenden Spiritualisierung der Religion nicht entsprach. Böschenstein verließ nach dreimonatiger Wirksamkeit Wittenberg, und Meianchthon nahm sich der verwaisten Stelle an. Es wird für jemand, der sich nicht unterordnete, schwer gewesen sein, neben dem alles beherrschenden Luther sich zu behaupten. Luther galt als Souverän in Wittenberg und sein Wort als gewichtig. Ueber das hebräische Studium spricht er in den Schriften an den Adel und an die Ratsherrn, in beiden fordert er Kenntnisse in der lateinischen, griechischen und hebräischen Sprache. In einem Brief an Joh. Lang (21. März 1518)3) spricht er die Hoffnung aus, daß bald auch das Hebräische in die Reihe der Vorlesungen aufge-!) Brief vom 30. März 1518. Geiger, Briefwechsel, S. 289. 2) Reuchlin an Herzog Friedrich, 7. Mai 1518. Corp. Ref., I, S. 29. 3) „Ceterum Studium nostrum ea proficit spe, ut futurum esse propediem exspectemus, nos habere lectiones utriusque, imo triplicis linguae". De Wette, I, S. 99. Einige charakteristische Aeußerungen über die hebräische Sprache in seinen Tischreden (ed. Förstemann u. Bindseil, 4. Bd., Berlin 1848, S. 568—72). Von seiner volkstümlichen Uebersetzungsmethode sagt Luther: „Verba Heid