Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 4
- Article
- Beitrag zur Geschichte der Juden in Oberhessen von ihrer frühesten Erwähnung bis zur Emanzipation
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 255 (sequence 5)
- Language
- German
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Rosy Bodenheimer. Bettrag zur Geschichte der Juden in Oberhessen Im Jahre 1347 haben wir endlich die erste urkundliche Nachricht für Juden im Vogelsberg. König Ludwig verleiht dem Heinrich von Eysenbach, Marschall seines Schwagers, des Landgrafen Heinrich zu Hessen, für seine Veste Ulrichstein, die er mit Mauern und Graben umfaßt hat, die Rechte und Freiheiten der Reichsstadt Friedberg, einen Wochenmarkt auf jeden Donnerstag und das Recht, in gedachter Stadt sechs Juden zu halten17). Diese Urkunde beleuchtet mit einemmale eine neue Situation. Es zeigt sich, daß ein gewisser Zusammenhang besteht zwischen Stadtgründung und Judenaufnahme. Das 13. und 14. Jahrhundert ist in Westdeutschland die klassische Periode der Stadtgründungen. Erich Schräder zeigte18), wie gerade in der hessischen Landschaft ein wildes Städtegründungsfieber die Landesherren erfaßt hatte, wie sie jedoch im 14. Jahrhundert, nachdem die verkehrsreichen und wirtschaftlich aussichtsvollen Plätze mit den Stadtgründungen des 13. Jahrhunderts bereits belegt waren, mit ungünstigeren geographischen Lagen vorlieb nehmen müßten. Es war nicht leicht, die großzügig angelegten Mauern dieser künstlichen Gründungen mit Bewohnern zu füllen, und nach der Ansicht Schräders gingen die Grundherren, um diesen Zweck zu erreichen, oft so gewaltsam vor, daß sie die umliegenden Dorfbewohner zwangen, ihre bisherigen Siedelungen zu verlassen und ihren Wohnsitz in die Stadt selbst zu verlegen. Die große Anzahl wüster Orte in der Nähe dieser Städte beweise seine Annahme. Nun war zwar die Stadt mit Menschen besiedelt, aber diese ehemaligen Dörfler, die ihre Nahrung selbstredend weiter auf ihren alten Aeckern Und Wiesen suchten, waren doch nicht die geeigneten Leute, um städtisches Wesen, Handel und Marktverkehr ins Leben zu rufen. Wer konnte dazu passender sein als die Juden mit ihrer uralten Handelserfahrung? Das hatte schon 1084 Bischof Rüdiger von Speyer erkannt19), die Staufer haben aus diesem Grunde Juden nach Friedberg gezogen, auch Büdingen erhält mit dem Stadtrecht zugleich 12 Juden20), und wenn Heinrich von Eysenbach, der Ulrichstein von Hessen zu Lehen hat, dort einen Wochenmarkt halten will, braucht er dazu eben jene sechs Juden, die er sich mit dem Markte zugleich vom Kaiser verleihen läßt. So ist es höchstwahrscheinlich, daß die Juden auch in andere städtische Neugründungen der hessischen Landschaft vom Landesherrn herbeigezogen wurden. An den Judenverfolgungen des Jahres 1349 sind die Städte Gießen, Homberg a. d. O. und Butzbach beteiligt21). Auch Friedberg, das bereits 1337 seine Juden vertrieben hatte, erscheint noch einmal unter den Marterstätten von 1349, des unseligsten Jahres in der Geschichte der deutschen Juden. Für Friedberg «) Scriba, a. a. O., 2. Abt., Nr. 1420. 1S) Erich Schräder, Die Städte Hessens (Jahresbericht des Frankfurter Vereins f. Geographie u. Statistik, Frankfurt a. M. 1922). 19) Urkunden zur Geschichte der Stadt Speyer von Alfred Hilgard (Straßburg 1885), S. 11, Nr. 11. 20) Ysenburgsches Gesamt-Archiv Büdingen, Judensachen Nr. 324. 21) Salfeld, a. a. O., SS. 284, 285, 269. 255