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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1931-01-01 · Heft 2-3 · p. Seite 220

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1931
Issue
Heft 2-3
Article
[Ohne Titel]
Date
1931-01-01
Page
Seite 220 (sequence 1)
Language
German
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Literatur Rudolf Hallo, Geschichte der Familie Hallo. 350 Jahre aus dem Leben einer deutschen Hofjuden- und Handwerkerfamilie. Privatdruck. Kassel 1930. 170 Seiten mit vielen Abbildungen und Stammtafeln. Dies ist ein wertvolles Werk, das mehr gibt als eine einfache Familiengeschichte. Es ist in vielen Teilen wissenschaftlich wohl begründet und fördert dadurch auch die allgemeine Geschichte der deutschen Juden. Prag, Glogau, Berlin, Halle, Kassel sind die Hauptsitze des Geschlechtes und finden nicht bloß im Auf und Nieder ihres Schicksals, sondern auch in ihrer Verbundenheit mit der jüdischen Gemeinschaft und in ihrer Bedeutung für sie eine gründliche und aus der Tiefe schöpfende Darstellung. Der Verfasser weiß in der einschlägigen Literatur, soweit es nicht um hebräische Quellen geht, trefflich Bescheid und ergänzt sie durch zahlreiches archivalisches Material. Zudem besitzt er eine hervorragende Kombinationsgabe, die ihm die Aufdeckung der Familienzusammenhänge oft in staunenswerter Weise ermöglicht. Neben diesen großen Vorzügen' stehen ebensolche Mängel, die vielleicht eine interne Familiengeschichte nicht so sehr belasten, umso mehr aber ein Werk, das nach seinem Aufbau wissenschaftlich gewertet sein will. Die Freude über gelungene Aufdeckungen, die allzu stark hervortritt, führt unnötig in die Breite. Dazu leidet die Darstellung an einer falschen Ueberschwenglichkeit, welche das Bild der Ahnen verschiebt und retouchiert, so daß die hellen Partien noch leuchtender hervortreten, die dunklen aber zugedeckt werden. Manchmal wirkt diese Tendenz geradezu erheiternd, wenn im Text maßlos geschwärmt, nicht sehr Rühmliches aber, das sich nicht verschweigen läßt, bescheiden in eine Anmerkung verwiesen wird. Um nur ein Beispiel anzuführen, wird die bekannte Berliner Hofjüdin Esther Liebmann im Text S. 62 eine „hochgemute" Frau genannt und gleich darauf S. 63 in der Anmerkung 44 nur eine Notiz gebracht, die zeigt, daß sie in Wirklichkeit keine hochgemute, sondern eine überaus hochmütige und deshalb allgemein verhaßte Frau war. Gegenüber der Sachlichkeit und Gründlichkeit, mit der das wissenschaftliche Material zusammengeholt und verarbeitet ist, wirkt diese abwegige Art falschen Familienstolzes sehr störend. Ganz verfehlt und mißlungen ist die Bearbeitung der hebräischen Grabinschriften, weil der Verfasser keine hinreichende Kenntnis der Sprache besitzt und noch dazu den hebräischen Text, der bei den alten Inschriften dieser Art meistens schon reichlich gequält und übertrieben ist, durchaus im gleichen Stil ins Deutsche übertragen möchte. Es läßt sich denken, wie unmöglich diese Uebertragungen ausfallen und wie oft noch dazu der Sinn verfehlt und gerade Bedeutungsvolles übersehen wird. So ist schon die Uebertragung der Grabinschrift des ersten Ahnherrn, mit dem das Buch beginnt, des in Venedig 1615 verstorbenen Israel Aron Hammerschlag, ganz verunglückt. Die Kennzeichnung, daß sie „aus schweren unwegig barocken Versen" besteht, trotzdem jedoch „in zierlicher Reimschrift dahineilt", offenbart gleich die beliebte Art des Verfassers, auch dem Unschönen, wenn es sich um einen solchen Ahnherrn handelt, noch irgend ein Relief zu geben. Das wirklich Interessante in der Inschrift hat er aber gerade nicht verstanden. Zunächst heißt bejakar ubedath in Zeile 2 nicht „ehrlich und redlich", was ohnedies kein besonders zu rühmender Vorzug eines „großen Mannes" wäre, sondern: „In Würdigkeit und Gesetzlichkeit trug er die Krone". Das Wort hu in Zeile 4 ist durch seine auffällige Stellung in der Inschrift besonders betont und durfte deshalb hier nicht mit „Du" übersetzt werden; es soll andeuten, daß Israel, er persönlich, aus Prag herkam, offenbar im Gegensatz zu seiner nicht in Prag ansässigen Familie. Die folgenden Zeilen 5—7 sind in der Uebertragung ganz verfehlt und unverstanden. Sie bedeuten: „Er war Vorsteher der Gemeinde, der auch in der Bedrängnis den lebendigen Gott heiligte, während er sie führte". Das Wort kiddesch, bekanntlich typisch für Martyrium, weist umso stärker auf die Jissurim, auf die Leidenszeiten, hin, die in die Vorstandsperiode Hammerschlags fielen. Das nicht übersetzte Wort behanhagah — nicht kehanhagah — ist eine Anspielung auf den für Gemeindevorsteher üblichen Titel manhig, der Führer. Wenn man weiß, welch schwere Zeiten die Prager und die böhmischen Juden überhaupt in der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts durch die Ausweisungspolitik Ferdinand I. durchlebten, so setzt der Text nicht in Erstaunen. Unter den bei 220

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