Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 219 (sequence 3)
- Language
- German
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Literatur numerisch weit überragenden Arbeiten christlicher Handwerker in jüdischem Auftrag im Vergleich zu den einwandfrei feststellbaren und zahlenmäßig sehr geringen, von Juden stammenden Kunsthandwerksleistungen! Das muß alles gegen die Anwendung des Begriffs „jüdische Volkskunst" sprechen, während zuzugeben ist, daß der Stimmungsreiz eines solchen gravierten Purimtellers mit dem Mordochai hoch zu Roß, wie ihn Hallo auf Tafel 5 abbildet, der deutschen Volkskunst so nahe. steht, daß man unter diesem Gesichtswinkel und den von uns behaupteten Einschränkungen umschreibend mit ihm arbeiten könnte. Und es scheint, daß ihn der Verfasser lediglich so aufzufassen wünscht. Noch kritischer wird die Situation, wenn nun exakt die Frage nach der spezifisch hessischen jüdischen Volkskunst gestellt wird. Auch hier umschreibt der Verfasser mehr in einer dichterischen Form, als daß er definiert. Das Unterscheidungsmerkmal liegt eben im Hessischen, nicht im Jüdischen, so z. B. in der Tatsache, die der Verfasser auch erwähnt, daß in Hessen die osteuropäische Holzsynagoge, die Synagoge mit Tonnendecke, obwohl gerade die Rabbiner und Lehrer häufig aus dem Osten stammen, völlig unbekannt ist. Der beste Beweis für den Verlust eines original-jüdischen Formempfindens (Stammbaum: der Orient, Wachstum: Palästina) beweisen gerade die Schlußseiten des Buches, die andeutend und über das speziell zur Behandlung stehende Problem hinausweisend, den städtischen Synagogenbau nach der Emanzipation behandeln. Welche fast komische Ratlosigkeit ergibt sich da gegenüber der schließlich zu wählenden Stilform, jetzt, wo man der Selbständigkeit ausgesetzt, sich den über die Jahrhunderte hinübergreifenden volksbedingten tragenden Kunstkräften jüdischer Artung anvertrauen könnte, wenn sie nur vorhanden wären. Darum zum letzten Male Vorsicht bei dem Gebrauch des Begriffs „jüdische Volkskunst"! Die positive Leistung dieses Büchleins liegt in der warmherzigen, liebevollen Ausbreitung des Materials, der guten Verarbeitung weitschichtiger Archivalien. Druck und Klischees sind gleichfalls vorzüglich. Der größte Wert dieser und jeder anderen Publikation, die sich mit dem Thema der jüdischen Kunst in Deutschland befaßt, wird aber gerade der Beweis ihrer engen Verbundenheit mit der deutschen Volkskultur sein. Breslau. Ernst Sdieyer. Zeenah u Reenah. Frauenbibel. Uebersetzung und Auslegung des Pentateuch von Jacob ben Isaac aus Janow. Nach dem Jüdisch-deutschen bearbeitet von Bertha Pappenheim. Hgg. vom Jüdischen Frauenbund. Bereschith. Erstes Buch Moses. Frankfurt a. M. J. Kauffmann. 1930. XI, 245 S. Der bloße Titel läßt den Unkundigen nicht ahnen, welche Beziehung das vorliegende Werk zur Geschichte der Juden in Deutschland hat. Tatsächlich aber ist es vom denkbar höchsten Interesse sowohl in sprachlicher wie in kulturgeschichtlicher Hinsicht. Es ist nämlich einerseits ein wichtiges Denkmal der jüdisch-deutschen Sprache des 17. Jahrhunderts, das jetzt in Umschrift auch denen erschlossen wird, denen das in hebräischen Typen gedruckte Original bisher unzugänglich war, andrerseits aber auch und vor allem ein eindringliches Zeugnis für die Geisteswelt, in welcher, zum Teil bis in den Anfang des 19. Jahrhunderts die jüdische Frau in Deutschland lebte. Ausgeschlossen von aller Teilnahme am eigentlichen Studium der Quellen des religiösen Schrifttums, das bloß den Männern vorbehalten war, suchten und fanden sie Ersatz in solchen in der Volkssprache abgefaßten Bearbeitungen. Eine besonders schöne Würdigung unseres Werkes bietet Max Grünbaum in seiner „Jüdisch-deutschen Chrestomathie" (Leipzig 1882, S. 192 ff.). Eine Gestalt wie „Glückl von Hameln" wird erst auf seinem Hintergrunde ganz verständlich, und so erklärt es sich auch, daß ihre Memoiren zuerst von derselben Hand übersetzt wurden, die auch die Zeenah u. Reenah der heutigen Generation nahe gebracht hat. Königsberg i. Pr. F. Perles. 219