Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 218 (sequence 2)
- Language
- German
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Literatur Diese geschmackvolle kleine Arbeit, die auf des gleichen Verfassers Schrift über „Jüdische Kunst und Kunstdenkmäler im Hessischen Landesmuseum" 1927 aufbaut, behandelt im wesentlichen das gleiche Material, allerdings dem festlichen Zweck entsprechend in einer beschwingteren Form und unter dem speziellen, sehr reizvollen, aber auch sehr anfechtbaren Gesichtspunkte der „Volkskunst". So verdienstvoll eine regionale Betrachtung jüdischer Kunstäußerung in Deutschland auch ist, — vielleicht überhaupt der einzige Weg, sie voll zu erfassen, denn sie ist nur aus dem „Milieu" der engeren Heimat und deren spezieller Geschichte verständlich, — die Anknüpfung an den Begriff der Volkskunst kann zu irrigen Vorstellungen führen. (Der erste Katalog, der die Frage der jüdischen Kunst berichtigend unter diesem Gesichtspunkte behandelt, ist der von Hintze anläßlich der Ausstellung „Das Judentum in der Geschichte Schlesiens", Breslau 1929, verfaßte.) Volkskunst hat ein Ackerbau und Handwerk treibendes Landvolk als notwendige Voraussetzung. Selbst in Hessen, „in dem seit Jahrhunderten und seit Generationen Juden in kleinen festen Gruppen und Familienverbänden sitzen, und wo das Land mit ihnen verwachsen ist", ist der Jude vor der hier schon 1808 durch die französische Okkupationsmacht vollzogenen Emanzipation ausschließlich Händler und dadurch überwiegend auf die städtische Kultur beschränkt. Allerdings gestattet der dörfliche Charakter einer großen Zahl hessischer Landstädtchen einer dörflichen Kultur hier eher Eingang, so daß die Grenzen oft schwimmend sind. Die Zuweisung einer Arbeit zum Volkskunst-Gut erfolgt überhaupt bei Hallo mehr gefühlsmäßig als durch eine klare Definition bestimmt. (Die von ihm in dem folgenden Satze versuchte Scheidung zwischen „hoher freier Kunst" und „Volkskunsthandwerk" bleibt sehr anfechtbar: „Eben das, was uns das hohe freie Kunstwerk in seiner Ueberlegenheit vergessen läßt, die Frage nach dem Wunder der Schöpfung, eben das ist beim Handwerk das Unvergeßliche, sein innerster und sittlicher Wert.") Volkskunst suggeriert als Begriff vor allem die breiteste schöpferische Schaffensbasis, die eben nur in einer frei und unabhängig lebenden menschlichen Gemeinschaft ihre Voraussetzung hat, während die doch vergleichsweise seltener auftretende Arbeit jüdischer Männer- und Frauenhände, wo sie überhaupt exakt nachweisbar ist, gerade was ihren formal-ästhetischen Wert betrifft (und nur das stempelt sie zur Kunst, nicht schon die naive Vortragsart des kultlich festgelegten Themas), dieses unabhängigen, selbständigen Schaffensfundaments ermangelt. Damit soll nur der Behauptung Ausdruck gegeben werden, daß jüdische Kunst in ihrem Formcharakter immer schöpferischer Reflex der Kultur des Volkes ist, mit dem die Juden jeweils zusammenleben, wenn sie sich nicht überhaupt in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle als von Juden bestellte Arbeit des christlichen Kunsthandwerkers herausstellt. Der Begriff Volkskunst betont dagegen gerade das heimatlich Bodenständige, Originale einer Kultur, so daß jüdische Volkskunst fast ein Widerspruch in sich ist. Damit soll keineswegs gesagt sein, daß es dem Juden an primärer, künstlerisch schöpferischer Fähigkeit fehle. Noch weniger, daß es ihm an Kunstfreudigkeit mangele, aber es bleibt immer Konstruktion, hier auf einem ver^ schütteten spezifisch jüdischen Formempfinden aufzubauen. Es gibt nur ein einziges Moment, das als schöpferisch verändernd für einen im Dienste des Judentums tätigen Kunstfleiß in Frage kommt: die hebräische Schrift. Und gerade ihre Verbindung mit den Elementen europäischer Kunstbetätigung (z. B. auf barocken jüdischen Grabsteinen) zeigt überwiegend, wie gering die damit gegebenen konservierenden Kräfte jüdischen Kunstwollens gegen die Mehrheit so gänzlich anders gearteter europäischer Kunstbestandteile im Grunde doch sind. Das Thema als solches, diese kultlich vorgeschriebene Welt des alten Testaments, der alten jüdischen Symbole, schafft keineswegs schon eine unabhängige jüdische Kunst. Man darf sich auch durch den oft fremdartig wirkenden inhaltlichen Reiz jüdischer Ritualien nicht zu dieser Anschauung verführen lassen. Wo werden denn dadurch allein schon (vielleicht mit Ausnahme des Schofars und des siebenarmigen Leuchters) Formen geprägt, für die sich nicht das christlich-europäische Vorbild finden ließe? Und nun noch die 218