Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 148 (sequence 2)
- Language
- German
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H Gelehrte, psychologisch stets auf die Verteidigung seiner staatsbürgerlichen Position eingestellt, bekannte sich prinzipiell zu dem durch die Emanzipationsgesetzgebung vorgezeichneten Individualismus. Wer das jüdische Bekenntnis abgestreift hatte, war kein Jude mehr. Das Reich unterhalb des Bewußtseins war noch nicht entdeckt. Georg Brandes beispielsweise, der einies über die „Juden" Disraeli und leine zu sagen wußte, galt als nicht „zünftiger" Außenseiter. Hätten wir schon eine zusammenfassende „Geistesgeschichte" der Juden, nicht bloß biographische Vorarbeiten wie die von Schay („Die Juden in der deutschen Politik"), so wäre es unmöglich, daß eine Weltgeschichte wie die des Propyläen- Verlages geschrieben würde, ohne das jüdische Element in der Moderne als solches zu kennzeichnen. Unter den obwaltenden Umständen muß man schon dankbar sein, wenn im vorliegenden Bande wenigstens gelegentlich der Tatsache der jüdischen Emanzipation gedacht wird. Das Register führt unter dem Stichwort „Juden" nur die Befreiung in Frankreich (Stern) auf. Wir fanden weitere Erwähnungen im Text auf S. 134 (Code Civil), S. 334 (Einwanderung nach England), S. 420 (Wiener Kongreß), SS. 546, 551 (Hardenbergsche Reform). Trotzdem und gerade deswegen sollen Juden diese Weltgeschichte und diesen Band lesen. Revolution und Restauration waren entscheidende, tragische Zeitspannen in der Entwicklung des modernen Judentums. Die ganze Fülle der Welt sollte sich dem Judentum und den Juden erschließen. Eine Fülle von Kräften hat das Judentum, aus seinen Fesseln erlöst, in die Welt gestellt, die Mendelssohns, Rahel und Henriette, Börne und Heine, Disraeli und Ricardo, Lassalle und Marx — für das Judentum eine einzige, große Verlustliste. Müssen Juden, wenn sie zu weltgeschichtlicher Leistung emporsteigen wollen, zuvor das Judentum als hemmendes Band von sich gestreift haben? Jene Männer und Frauen haben es geglaubt oder gelitten. Mit uns lebt in allen Teilen der Welt ein neuer, nicht minder vielfältiger Judentyp, Leon Blum, Herbert Samuel, Albert Einstein, um nur einige mit Namen 148 zu nennen, die durch ihr Leben und Handeln dafür Zeugnis ablegen., daß es sich sehr wohl verträgt, als Kind seiner Zeit und mitten in ihren Aufgaben — ein guter Jude zu sein und zu bleiben. Hanns R e i ß n e r. Propyläen - Weltgeschichte. Herausgegeben von Prof. Walter Goetz. Band 5. Das Zeitalter der religiösen Umwälzung. Reformation und Gegenreformation 1500—1669. Berlin 1930. Propyläen-Verlag. Der fünfte Band dieser Weltgeschichte enthält hinter einer Einleitung des Herausgebers „Das Zeitalter der Reformation" von dem jüngst der Wissenschaft durch den Tod entrissenen Paul Joachimsen, „Die Gegenreformation in Westeuropa" von Erich Mareks, „Die Gegenreformation in Deutschland" von Walter Goetz, „Vier Jahrzehnte europäischer Krieg" (1618—1660) von Wilhelm Mommsen, „Der osmanische Staat von seiner Entstehung bis zum Ausgang des siebzehnten Jahrhunderts" von Hans Heinrich Schaeder. Die Namen der Verfasser der einzelnen Abschnitte bürgen für die Gediegenheit ihres Inhaltes. Neben der Behandlung der kirchlichen und politischen Geschehnisse kommen die hervorstechenden Erscheinungen auf dem weiten Gebiet der Wirtschaft, der Wissenschaften und Künste zu ihrem vollen Recht. Durch eingeflochtene literarische Portraits wie die Luthers, Calvins, Loyolas, Karls V., Philipps IL, Wilhelms von Oranien, Maria Stuarts, Heinrichs IV., Richeüeus, Gustav Adolfs, Wallensteins, um nur diese zu nennen, wird der Würdigung bedeutender Persönlichkeiten der gebührende Platz eingeräumt. Selten wird man Gelegenheit haben, an einzelnen Wendungen Anstoß zu nehmen oder einzelne Behauptungen in Zweifel zu ziehen. Sieht man von dem letzten Kapitel ab, das wie auf einem Nebengeleise Ursprung und Wachstum desosmanischen Staates anschaulich vor Augen stellt, so bildet der Inhalt dieses Bandes ein einheitliches Ganzes. Es wird durch die Stichworte „Reformation" und „Gegenreformation" im Titel charakterisiert. Mit der Reformation wird, wie Walter Goetz in der Ein-