Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 147 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2259275-2259288-2259291-2260984--3478-2261111- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Propyläen-Weltgeschichte. Herausgegeben von Prof. Walter Goetz. Band 7. Die Französische Revolution. Napoleon und die Restauration. 1789—1848. Berlin 1930. Propyläen-Verlag. „Das Gesicht der Welt zu zeigen, wie es sich uns heute bietet," ist nach den Worten der Verlagsankürodigung Aufgabe der neuen Weltgeschichte. Das „Gesicht der Welt" noch in einem ganz besonderen Sinne; denn der ungenannt gebliebene Bildredakteur hat sich durch treffsichere, sachkundige Auswahl von Porträts, Zeichnungen, Bildern und Dokumenten ein außergewöhnliches Verdienst erworben. Auch das jüdische Gesicht des 19. Jahrhunderts begegnet gelegentlich. Das Gemälde Kommerzienrat Josef Liebermanns, des Vaters von Max Liebermann, vertritt das industrielle jüdische Patriziertum, Rahel Varnhagen erscheint in der antikisierenden Wiedergabe eines Medaillons aus dem Jahre 1796; von Heinrich Heine ist die bekannte Radierung Grimms in Profil mit aufgestütztem Arm abgebildet. Vorbildlich in jeder Beziehung erscheint im Textteil die Bearbeitung der „Französischen Revolution und ihrer Wirkung auf Europa" durch Alfred Stern. Die Darstellung ist von einer Knappheit und doch wieder Anschaulichkeit und kritischen Haltung, die nur dem möglich ist, der den Stoff aus souveräner Beherrschung meistert. Die innere Dramatik der Begebenheiten wird zum Worte erweckt, ohne in der Beurteilung vor den großartigen Einseitigkeiten der Bewegung zu kapitulieren. Besonders geglückt und dem Sinne des Gesamtwerks entsprechend erscheinen die kurzen belebenden Charakteristiken der Herkunft und Anschauung der geschichtlichen Akteure durch Stern. Besonders spürbar wird der Mangel näherer Hinweise in den anderen Beiträgen im Falle der Zeitgenossen jüdischer Herkunft. Wer sind die Börne, Heine, Disraeli, Ricardo, Rothschild? Nach dem Register ist Börne ein radikaler politischer Schriftsteller des Jungen Deutschland, Disraeli ein englischer Staatsmann und Schriftsteller, Heine, deutscher Dichter und Schriftsteller, usw. Sollte die jüdische Komponente einen gar so gleichgültigen Bestandteil ihres Wesens abgegeben haben? Die für unser Gefühl unzulängliche Berücksichtigung des jüdischen Elements in der Geschichte der ersten fünfzig Jahre nach der Revolution ist freilich keineswegs der Böswilligkeit oder gar „antisemitischen" Neigungen der schreibenden Fachgelehrten zur Last zu legen. Schuld daran trägt vielmehr ausschließlich der unbefriedigende Stand der jüdischen neuzeit- Bchen Forschung. Wissenschaftlich angeschaut wird bis in die Gegenwart nur die Kollektivleistung des antiken Judentums, die allerdings von der der christlichen Theologie in erster Linie als Vorstufe zum Christentum begriffen wird. Als religiöses Bekenntnis aber hat das moderne Judentum, nicht erst seit den Tagen der Emanzipation, keine irgendwie geartete Aktivität entwickelt. Die der jüdischen Gemeinschaft entstammenden Individuen, die in der gleichen Zeit die Geschichte der abendländischen Völker durch politische, wirtschaftliche und geistige Leistungen entscheidend mitbeeinflußt haben, gehörten zu einem erheblichen Teil dem jüdischen Bekenntnis nicht mehr an. War deshalb auch der innere, bewußte oder unbewußte Einfluß des jüdischen Erbgutes ausgelöscht? Befragt man den Fachwissenschaftler, so scheint es der Fall zu sein. Für Oskar Walzel beispielsweise ist in seiner Darstellung des „Klassizismus und der Romantik als europäischer Erscheinungen" das nicht ausdrücklich in sein Thema fallende „Vorleben" der Rahel, Börnes und Heines keineswegs problematisch gewesen. So bestätigt die Propyläen- Weltgeschichte von neuem, daß es noch immer vom Spürsinn und der Intuition einzelner Forscher abhängt, ob ihnen die jüdische Besonderheit des Darzustellenden aufgeht. Hermann Oncken hat sich einmal in die frühe Jugend Lassalles mit ihrer jüdischen Staats rom antik vertieft. Lichtenberger ist der nervösen Konstitution des Juden Heinrich Heine nachgegangen. Wenn uns das trotzdem noch nicht befriedigen will, so muß doch zugunsten des christlichen Forschers gesagt werden, daß auch noch keine jüdische Arbeit den jüdischen Anteil an der Gestaltung der abendländischen Welt klar herausgestellt hat. Der jüdische 147