Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 2-3
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 138 (sequence 2)
- Language
- German
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Bücherschau nahmen, wie es tatsächlich war" (S. 87), ist in dieser Allgemeinheit durch die angeführten Beispiele nicht erwiesen und kann ohne Kenntnis des Registers nicht nachgeprüft werden. Uebrigens hat schon S. 35 Steinherz mit Recht, allerdings für eine frühere Zeit, auf die Schwierigkeiten bei der Feststellung der Umgangssprache hingewiesen. S. H. Lieben befaßt sich mit dem hebräischen Buchdruck in Prag während des 16. Jahrhunderts. Er gibt eine Entstehungsgeschichte der Druckerei Gersons ben Salomo Kohen in der Zeit, in welcher er mit anderen zusammen druckte (1512—1526) und später, als die Familie die Offizin allein innehatte (1526— 1600), sowie der übrigen Prager hebräischen Druckereien im 16. Jahrhundert. Die Druckerzeugnisse werden im Einzelnen beschrieben; im Anhang des Werkes sind acht Proben dieser Drucke (sechs nach Originalen in der Bodleiana und zwei nach einem Unikum der Prager Gemeindebibliothek) abgebildet. Bemerkenswert ist auch die Darstellung der Familiengeschichte der mit dem Buchdruck in Verbindung stehenden Personen. Eine durch die Reichhaltigkeit des Materials und durch die treffliche Schilderung gleich fesselnde Studie über die Prager Juden zur Zeit des 30jährigen Krieges stammt von Käthe Spiegel. Sie schildert die Judenstadt und ihre Erweiterung nach der Schlacht am Weißen Berge und führt als Grund für diese Ausdehnung neben lokalen und räumlichen Bedingungen und anderen weniger ausschlaggebenden Momenten noch die Auswirkungen des nach dem böhmischen Aufstande einsetzenden lebhaften Grundbesitzwechsels an. Jedenfalls vollzog sich durch diesen Prozeß eine außerordentliche Erweiterung des Ghettos, und es ist ziemlich belanglos, wenn der Behauptung „aus der Gasse wurde eine Judenstadt", weil sie eine Uebertreibung enthalte, widersprochen wird (s. das unten besprochene „Jahrbuch", Jg. I, S. 87). Es folgt eine Schilderung des Ghettolebens, zum Teil gestützt auf Landau-W achstein „Jüdische Privatbriefe aus dem Jahre 1619" (Wien- Leipzig 1911). Dieses Kapitel ist nicht ganz geglückt, weil die Betrachtungsweise innerer Verhältnisse mit der Darlegung der Beziehungen der Gesellschaft zu den Juden durcheinandergeht, statt diese beiden Materien möglichst zu sondern. Einige Notizen. Daß die Jesuiten nicht hebräische (S. 125), sondern deutsche Judenpredigten hielten, wird auch in dem genannten „Jahrbuch" (S. 87) mit Recht korrigiert. S. 127 wird unter Berufung auf die angeführten Privatbriefe das schon erwähnte leidige Sprachenproblem mit der sehr apodiktischen Behauptung, „daß das jüdische Denken im deutschen Sprachgut verankert war", scheinbar gelöst, nachdem es S. 117 hieß, daß die Briefe beweisen, „wie sehr das Ghetto unter dem Einfluß deutscher Kultur stand." Die ganze Frage bleibt offen; denn selbst wenn man der zweiten Behauptung zustimmt, besagt das noch nichts für die Entscheidung der Sprachenfrage (vgl. auch dazu „Jahrbuch", S. 87 f.), die, wie gesagt, noch einmal gründlich erforscht werden müßte. S. 127: „Bei freudigen Anlässen etc. wurde die Stimmung der Seele auf dem Umweg über den Magen gesteigert." Solche Geschmacklosigkeiten stören doch nur in einer wissenschaftlichen Arbeit! Die etwas selbstsichere Feststellung, daß Jomtow Lipmann Heller, dessen Lebensgang ebenso wie der Jakob Bassevi's ausführlich geschildert wird, ein „mit dem Glaubensfanitismus seiner Zeit behafteter Charakter war" (S. 143), wird die Verfasserin erst beweisen müssen. Besonders aufschlußreich und gelungen scheinen mir, ohne die meisten Details nachprüfen zu können, die Kapitel über die Verfassung und Verwaltung der Gemeinde sowie über die Besteuerung der Judenschaft. Als Anhang ist eine Liste von Persönlichkeiten der Prager Gemeinde zusammengestellt. Der letzte Aufsatz des Sammelbandes von J. Bergl hat „die Ausweisung der Juden aus Prag im Jahre 1744" zum Thema. In dieser ungemein gründlichen archivalischen Arbeit über das hochbedeutende historische Ereignis ist allerdings Krengels Aufsatz über die englische Intervention zu Gunsten der böhmischen Juden im Jahre 1744 (MGWJ. 1900 S. 177— 185, 259—281) unberücksichtigt geblieben. 138