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Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland · 1931-01-01 · Heft 1 · p. Seite 76

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Journal
Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
Volume
1931
Issue
Heft 1
Article
[Rezension]
Date
1931-01-01
Page
Seite 76 (sequence 2)
Language
German
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eines Volkes in der Vorzeit ziehen. Diese Stütze fehlt nahezu vollkommen bei dem jüdischen Volk. Dafür haben wir allerdings die Nachrichten über die Vorbewohner des Landes Kanaan und über die in späterer Zeit dahin verpflanzten Volkssplitter. Aber diese Namen sagen uns oft nicht viel. Einzig und allein die Hettiter sind uns durch bildüche Darstellungen näher bekannt. In geringerem umfang trifft das auch auf die Amoriter zu; doch ist es fraglich, ob diese erheblich zur völkischen Zusammensetzung des jüdischen Volkes beigetragen haben. Jedenfalls ist die auch in dem vorliegenden Werke von Günther wieder vorgetragene Theorie von der „arischen" Rassenart der Amoriter und der Herkunft des blonden Elements unter den Juden aus dieser Mischung mit berechtigter Skepsis zurückzuweisen; ihr geistiger Vater, Felix von Luschan, hatte sie in seinen letzten Lebensjahren gleichfalls aufgegeben. Im Vorteil gegenüber der Rassenkunde europäischer Völker aus älterer Zeit sind wir bei den Juden wieder dadurch, daß sich auf assyrischen und ägyptischen Siegesdenkmälern Typen von jüdischen Gefangenen finden, die zeigen, daß sowohl das vorderasiatische wie das hettische Rassenelement bei ihnen vertreten war. Das ist aber alles. Wenn Günther in einem längeren Abschnitt (S. 46—62) von der „nordischen" Rasse in Palästina vor der Einwanderung der Hebräer spricht, so muß diese Vermutung als wissenschaftlich nicht genügend begründet bezeichnet werden. Auch abgesehen davon, daß man aus arischen Namen, die in der Tat in einzelnen der Amarnabriefe vorkommen, nicht auf nordischen Typus schließen kann. Sprache und Rasse sind zwei unabhängig von einander herlaufende menschliche Erscheinungsformen. Vieles, was in der Einleitung des Buches gesagt ist, kann man ruhig unterschreiben: so, wenn Verf. die Anwendung des Begriffs „Rasse" auf die Juden in wissenschaftlichen Werken als unangebracht ansieht und in ihnen ein Rassengemisch sehen will; es gibt weder eine jüdische noch überhaupt eine semitische Rasse für wissenschaftliche Zwecke. Auch macht er darauf aufmerksam, daß sprachliche und rassische Zugehörigkeit nicht mit- 76 einander verwechselt werden dürfen. Gegen den Mißbrauch des Wortes „arisch" wendet er sich ebenfalls: es gibt keine arische Rasse, es gibt nur arische, das heißt indogermanische Sprachen. Wenn er aber dem gesamten Judentum der Erde ein einheitliches Volkstum zuschreiben will, so muß man dagegen Verwahrung einlegen. Die Juden der Erde stellen nicht ein Volkstum, sondern mehrere Volkstümer dar, die allerdings in den Urbestandteilen vielfach identisch sind, aber durch die Zusätze im Laufe der Jahrtausende doch erheblich voneinander abweichen. Dagegen muß man mit ihm übereinstimmen, daß die Juden nicht lediglich eine Glaubensgemeinschaft wie Katholiken, Mohamedaner usw. sind, sondern ihre besondere Eigenart vielfach bewahrt haben. Die Frage ist nur, worauf diese Eigenart beruht, und in der Beantwortung dieser Frage und den daraus gezogenen Folgerungen weichen eben die Rasseforscher vielfach voneinander ab. Wie in den meisten Büchern über die jüdische Rasse geht Verf. im Anfang auf die Bevölkerung Palästinas vor der Einwanderung der Hebräer ein. Sehr eingehend wird die orientalische Rasse betrachtet und durch zahlreiche Illustrationen veranschaulicht. Daß unter den Bildern auch der Komponist Max Bruch, der aus einem deutsch-evangelischen Pfarrhaus stammt, erscheint, ist ein Verhängnis, das dem Vertoner des Kol Nidre öfter zugestoßen ist. Die Vermischung der Hebräer mit den Kanaanitern, der Einfluß der Philister, Kimmerier und Skythen, der Negerrasse und wiederum der angebliche nordische Einschlag im hebräischen Volke wird nochmals betrachtet und durch gut ausgewählte Bilder anschaulich gemacht. Wenn Verf. aber das blonde Element im alten Palästina damit nachzuweisen glaubt, daß unter den indischen Juden in Kotschin auch Blonde sind, so weiß er nicht, daß durch Vermittlung der Holländer aschkenasisches jüdisches Blut dorthin geströmt ist, wie die erhaltenen Familienlisten aus dem 17. Jahrhundert zeigen. Es folgen in dem Buche längere Abschnitte mehr historischen Inhalts über die Juden im Zeitalter ihrer Zerstreuung und Abschließung, die wenig

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