Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 1
- Article
- Dubnows "Weltgeschichte des Jüdischen Volkes"
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 15 (sequence 15)
- Language
- German
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Hanns Reißner. Dubnows „Weltgeschichte des jüdischen Volkes" eine dürftige Sprachmeisterschaft verfüge. Der Leser der hebräischen Uebersetzung jedoch, dem Dubnow das damalige Berlin als „mekor deat chajim" charakterisiert, wird deutlich verspüren, warum es Mendelssohn unwiderstehlich nach Berlin zieht: weil man dort „lernen" kann, lernen, das höchste, edelste, reinste Bedürfnis stillen, das der Jude haben darf. — Wenn Dubnow die französischen Juden im 19. Jahrhundert die „Irrenden dieser Zeit"98) nennt, so muß man, um Dubnows Absichten zu begreifen, geradezu „newuche haseman haseh" lesen: gemeint sind die „Irrenden", um derentwillen Maimonides seinen „Führer" geschrieben hat. Plötzlich ist der Kreis geschlossen. Die „Assimilation" ist kein Problem des 19. Jahrhunderts mehr, sondern eine der Grunderfahrungen jüdischer Geschichte. — Vielleicht hatte Dubnow auch mit dem Begriff der „Zeit" etwas Aehnliches im Auge wie Jehuda Halevi in seinem Gedicht „awde seman awde awadim hem", „Knechte der Zeit — Knechte der Knechte": Freiheit ist nicht im Zufälligen, sondern nur im Unbedingten — in Gott. Der Leser dieser Zeitschrift hat zum Schluß noch ein Recht darauf, zu erfahren, wie Dubnow die Entwicklung des deutschen JudenL tums sieht und beurteilt. Es braucht nicht besonders betont 'zu werden, daß Dubnow wie in allen Teilen seines Werks auch hinsichtlich Deutschlands die gesamte darauf bezügliche Literatur kennt und verarbeitet hat. Von stärkstem Interesse ist vielmehr die Stellungnahme, mit der er seine Schilderung der jüngsten Epoche seit Beginn der französischen Revolution begleitet, eines Zeitraums, dessen Probleme die Gegenwart unmittelbar angehen. Mit Recht sagt er, daß dieser Abschnitt der jüdischen Geschichte „an Intensität der ihm innewohnenden dynamischen Kraft . . . jede der vorhergehenden Perioden weit übertrifft""). Den Wert, den er ihr beimißt, gibt er schon äußerlich dadurch kund, daß er ihr drei Bände seines insgesamt zehnbändigen Werkes widmet. „In der Person des . . . Mendelssohn machte, schreibt er, das Judentum nach vielen Jahrhunderten nationaler Abgeschlossenheit den ersten schüchternen Schritt auf dem Wege der Weltverbrüderung" 10°). Den Kulturkreis des „Salons" lehnt er vorbehaltlos ab. Er rindet in ihm nur Besucher, „die hier mit den liebenswürdigen Töchtern Israels, 'denen der Titel einer deutschen Freifrau oder der Rang einer preußischen Offiziersdame über ihr Judentum ging, gar häufig Liebesverhältnisse anknüpften"101). Der „Taufepidemie" zu Anfang des 19. Jahrhunderts gegenüber betont er allerdings grundsätzlich, es gelte „der psycho»- logischen und historischen Gesetzmäßigkeit selbst dieser Auswüchse der neuzeitlichen Bewegung gerecht zu werden, einer Bewegung, die ihren Grund letzten Endes in der Auflehnung der freien 98) IX, 460. ") VIII, 72. 10°) VII, 358. 101) VIII, 26. 15