Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Journal
- Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 1
- Article
- Dubnows "Weltgeschichte des Jüdischen Volkes"
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 13 (sequence 13)
- Language
- German
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Hanns ReiBner. Dubnows „Weltgeschichte des jüdischen Volkes" sondern weil und insofern gewisse soziale, politische, juristische, geistige Zusammenhänge unauflöslich mit wirtschaftlichen Dingen verknüpft sind. Der an den Boden gebundene Ackerbauer ist Feind der Zentralisierung des Gottesdienstes und neigt daher zum „Baalskult". Der städtische Schriftgelehrte einer späteren Zeit sieht auf den ungebildeten, bäuerlichen „Am haarez" herab. Der jüdische Geldhändler des Mittelalters erfüllt eine besondere wirtschaftliche Funktion, die dem Christen durch den Kirchenkanon verboten ist. Nur diese notwendigen Zusammenhänge vermögen im Rahmen einer allgemeinen jüdischen Geschichte zu interessieren. Dubnow hat den Stoff wirtschaftlicher Verhältnisse aber fast nirgends so tief durchschürft, daß die Zwangsläufigkeit sich dem Leser überzeugend einprägte. Manche Urteile muten ganz voreingenommen an. Die Hof- und privilegierten Juden des 17. und 18. Jahrhunderts tut er mit der Sammelbezeichnung „jüdische Plutokratie"8S) in Bausch und Bogen ab, ohne zu begreifen, daß allein durch ihre Filtrationspolitik die Landesherren allmählich die Lage der jüdischen Massen heben konnten. Die französische Nationalversammlung hat es auf dem umgekehrten Wege versucht, indem sie die Juden zunächst politisch emanzipierte, in der Erwartung, daß diese dann von selbst in produktive Berufe übergehen würden. Diese Hoffnung trog, und Napoleon mußte die elsässischen Juden mit „undemokratischen" Mitteln zwingen, sich umzustellen, was ihm freilich den Unwillen der jüdischen Geschichtsschreiber, auch Professor Dubnows86) zugezogen hat. Aufschlußreich und besonders fruchtbar sind jedoch die Kapitel, in denen Dubnow von den politischen Formen des jüdischen Gemeinschaftslebens spricht. Bereits den mythischen Begriff der Erstgeburt deutet er unter dem Gesichtspunkt der Stammeshegemonie87). Für einen späteren Zeitpunkt nennt er Judäa eine „theokratische Republik, die zu einer der persischen Satrapien gehörte"88). Die Kanals elbstverwaltung in Osteuropa, deren wissenschaftliche Erforschung Dubnows eigenstes Verdienst ist, kennzeichnet er als „die auf dem national-religiösen Prinzip sich aufbauende jüdische Gemeinde"89), die „als besonderer Stand" im Rahmen des Staatsganzen von diesem eine gewisse Autonomie delegiert erhielt. — Besonders eindringlich wird seine Schilderung auch da, wo er den Kampf seiner Generation um die „Erreichung der Vollberechtigung des jüdischen Volkes in Rußland"90) behandelt. Im „Autonomismus" sieht er den „Schlüssel zum Diasporaproblem"91). Die Diaspora sei „ein nicht wegzudenkender Faktor der gesamten jüdischen Geschichte"92). Der 85) VII, 309. 13